Internetsucht: 30.000 Abhängige

14. Jänner 2002, 20:11
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In Österreich sind bereits mehr Menschen nach dem Internet süchtig als nach Heroin oder anderen Opiaten

Wien - Hannelore K. ist jetzt clean. Dass sie es jemals nicht sein könnte, hatte die 52-Jährige Mutter von zwei Kindern nie für möglich gehalten. Bis sie das Plaudern in Chatrooms im Internet entdeckte. Der Spaß am Chatten wurde immer aufwändiger, bis zu 40 Stunden ohne Pause waren keine Seltenheit. Dabei entwickelte sie mehrere Identitäten und verfiel schließlich sogar in Eifersucht auf ihr Alter Ego. Als der Jobverlust drohte, suchte K. professionelle Hilfe. Diagnose: Pathologischer Internetgebrauch, kurz Pig. Behandlung: Antidepressiva und Psychotherapie.

Hannelore K. ist kein Einzelfall. In Österreich sind bereits mehr Menschen vom Internet abhängig als von Opiaten. 30.000 Personen kommen von der virtuellen Realität nicht mehr los, das sind drei Prozent aller täglichen User. Diese alarmierende Zahl gab am Wochenende Oberarzt Hubert Poppe vom Genesungsheim Kalksburg bei einem Symposium in Wien bekannt. Zum Vergleich: Zwischen 15.000 und 20.000 Männer und Frauen sind laut österreichischem Drogenbericht süchtig nach Opiaten.

Rund drei Millionen Menschen haben in Österreich - beruflich oder privat - Zugang zum World Wide Web, rund eine Million loggen sich pro Tag ein. Internetsucht betrifft vor allem Alleinstehende, Arbeitslose und Menschen, die allgemein zu süchtigem Verhalten neigen. Die Zahl von 30.000 suchtkranken Usern sei die unterste Marke in der Bandbreite von mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen, sagte Poppe.

Rauschzustände

Eine Studie vom Institut für Biostatistik der Medizinischen Fakultät an der Uni Innsbruck beispielsweise ergab, dass 12,7 Prozent aller Teilnehmer des deutschsprachigen Chatsystems "Metropolis" suchtartiges Verhalten aufweisen. Fast ein Drittel davon gab in einer Onlinebefragung an, beim Chatten rauschähnliche Zustände zu erleben. Und 40 Prozent stuften sich selbst als süchtig ein. Das spreche für die Bereitschaft zur Selbstreflexion und könne die Diagnostik erleichtern, so die Studienautoren.

Das Problem sei, so Poppe, dass das Abgleiten in eine virtuelle Realität mit zunehmender Vereinsamung vor dem Bildschirm oft erst erkannt werde, wenn die Betroffenen schon schwere Probleme hätten: "Sie fallen immer mehr am Arbeitsplatz aus, weil sie nächtelang nicht mehr zum Schlafen kommen. Beziehungen gehen zu Bruch, weil nur noch der Chatroom zählt."

Moorhuhnjagd-Fieber

Oder das Spiel - wie im dokumentierten Fall eines 38-jährigen Akademikers, der dem "Moorhuhnjagd"-Fieber erlag. Das gleichermaßen beliebte wie simple Computergame beherrschte bald den Büroalltag des Mannes. Auch hier half schließlich eine Psychotherapie. Gleichzeitig wurde am Arbeitsplatz geregelt, dass der Süchtige nur noch beschränkten Internetzugang bekam.

Mediziner betonen, dass es kein spezielles Charakterbild gebe, das für eine solche Sucht prädestiniere. Poppe: "Das kann jedem passieren." Wie bei jeder anderen Sucht spiele mangelndes Selbstwertgefühl eine Rolle. Zusätzlich werde natürlich auch noch der Spieltrieb des Menschen durch die millionenfachen Angebote des Internets angesprochen.

Spezialisten haben einen Fragenkatalog erstellt, mit dem sich eine mögliche Abhängigkeit feststellen lässt:

  • Häufiges unüberwindliches Verlangen, sich einzuloggen
  • Kontrollverluste, wie länger online zu sein als beabsichtigt
  • Sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis
  • Nachlassen der Arbeitsfähigkeit
  • Verheimlichung oder Bagatellisierung der exzessiven Usergewohnheiten
  • Nervosität oder Depressionen bei Verhinderung des Internetzuganges.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 1. 2002)

In Österreich sind bereits mehr Menschen nach dem Internet süchtig als nach Heroin oder anderen Opiaten. Mindestens 30.000 Menschen gelten als abhängig. Vor allem exzessives Chatten und Spielen führen zu einem zunehmenden Realitätsverlust vor den Bildschirmen.

DIAGNOSE

Internet-Abhängigkeit: Wie sie entdeckt werden kann

Anton Proksch Institut

Praevention.at

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