"Man gewöhnt sich an das Töten"

16. Jänner 2002, 10:04
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"Ich habe die Augen zugemacht und einfach abgedrückt. Kopfschuss. Wahrscheinlich war er sofort tot"

"Ich habe die Augen zugemacht und einfach abgedrückt. Kopfschuss. Wahrscheinlich war er sofort tot", erinnert sich Fabián an sein erstes Mal. Dann lacht er. "Was mich am meisten dabei geärgert hat, war, dass ich danach ein Loch schaufeln musste. Ich wusste anfangs nämlich nicht, dass immer der, der exekutiert, auch die Leiche entsorgen muss."

Fabián war damals gerade 15 Jahre alt, als sein erstes Opfer mit am Rücken zusammengebundenen Händen vor ihm auf dem Boden kniete. "Ich musste ihn erschießen. Gesetz. Unser Rat hat ihn zum Tod verurteilt. Er war Spion. Ein Paramilitär", rechtfertigt sich der heute knapp 17-jährige Kolumbianer, der seit seinem 14. Lebensjahr als Kindersoldat bei den kommunistischen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, den revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc), im Busch gelebt hatte. Bis Mitte vergangenen Jahres. Fabián desertierte, stellte sich den Behörden und wurde in das eigens für Kindersoldaten ins Leben gerufene Programm "Reinsercion Social" der kolumbianischen Regierung aufgenommen, das den Jugendlichen in die nicht bewaffnete Gesellschaft reintegrieren und auch vor der Guerilla schützen soll. "Wenn sie mich kriegen, bin ich tot", fürchtet Fabián. Denn die Farc verlässt man nicht. Nicht lebend.

Von der Truppe abgesetzt

Während eines Kampfes zwischen den Farc und den rechtsgerichteten Paramilitärs bei Puerto Rico, südwestlich von Bogotá, konnte er sich von seiner Truppe absetzen.

"Sie haben gelogen", ist Fabián enttäuscht. Als sie ihn rekrutierten, haben die Farc versprochen, seiner Familie dafür monatlich Geld zu geben. Gehalten haben sie das Versprechen nicht. Aussteigen durfte er aber auch nicht mehr, er hatte bereits zu viel gesehen. "Es war dann eine harte Zeit. Alle paar Monate Kampf, dazwischen sind wir ständig im Busch von Camp zu Camp marschiert."

Der Jugendliche lebt heute mit einem weiteren ehemaligen Kindersoldaten bei einer Pflegefamilie in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, wo er auch zur Schule geht. Er will Pilot werden. In der zivilen Luftfahrt, denn von militärischen Einrichtungen, vom Kämpfen und Töten hat er jetzt ein für alle Male genug. Sagt er.

José geht es ähnlich. Auch der 18-Jährige, der ebenfalls seit seinem 14. Lebensjahr Guerillero gewesen war, stellte sich kürzlich den Behörden. Warum? "Die Farc haben meinen Onkel ermordet." Das allein war zwar schmerzlich genug, aber noch nicht ausschlaggebend. Denn, verteidigt José seine ehemaligen Kameraden, "es war ein Missverständnis, sie waren betrunken". Seine Familie wurde deshalb auch von den Farc mit zehn Millionen Peso (5122 Euro) entschädigt. Als aber die Farc seiner Familie das Geld als Steuern wieder abnahmen und sie mittel- und arbeitslos am Land zurückgelassen wurde, hatte José genug, denn er ahnte, was seiner Familie bevorstehen könnte, musste er derartige Schicksale doch hautnah miterleben.

"Man gewöhnt sich an das Töten, anfangs ist es aber schwer", gesteht er. Um im Kampf nicht zu versagen, müssen Kindersoldaten an das Erschießen gewöhnt sein. Also zwingt man sie zunächst zu Exekutionen. "Zu Beginn musste ich dauernd Menschen umbringen, die gefesselt am Boden lagen", erzählt José von seiner Ausbildungszeit in der "Friedenszone", jenem Gebiet, das die Regierung den Farc überlassen hatte.

Ein Familienvater etwa, dessen Kokaplantagen und somit dessen Lebensunterhalt im Zuge der von den USA mit Geld, Gift, Waffen und Kampfhubschraubern unterstützten Anti-Drogen-Kampagne der kolumbianischen Regierung, dem "Plan Colombia", vernichtet worden waren, stahl in seiner Not Kartoffeln vom Nachbarn. Für seine Kinder, die vor Hunger schon geschrien hätten, erzählt José. Doch in der Welt der Farc sei dies unentschuldbar, "es muss Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen", gibt sich der überzeugte junge Kommunist ideologisch gefestigt, blickt auf den Boden und spielt verträumt mit dem kleinen silbernen Kruzifix, das der gläubige Katholik um seinen Hals trägt. Wenn schon nicht in ganz Kolumbien, dann zumindest in den kontrollierten Gebieten der Farc, ist José überzeugt. "Darum musste ich ihn erschießen."

Töten war für ihn aber nicht immer Überwindung, vor allem dann nicht mehr, als seine Ausbildungszeit vorbei, er gerade 16 Jahre alt war. "Mein erster Kampf hat Spaß gemacht", gesteht José. Seine Einheit hatte Regierungstruppen in einen Hinterhalt gelockt. Sie lagen auf einer Anhöhe in Deckung, das Militär stand ungeschützt unten. "Als ich sah, wie sie rannten, war das toll." Sein schönstes Erlebnis aber, verrät der Jugendliche mit leuchtenden Augen, war, als er einen Kommandanten der Paras erschossen und ihm das Gewehr abgenommen hat. Als Trophäe.

Noch während José euphorisch seine Erinnerungen preisgibt, verfinstert sich sein Blick. Er wird still. So wie es ein schönstes Erlebnis während seiner Zeit im Busch gebe, sinniert er nach einiger Zeit, gebe es aber auch ein schlimmstes. "Das war, als man mir mitgeteilt hat, dass meine Oma gestorben ist."

Das Leben kennen gelernt

Auf die Frage, warum sie als Kinder überhaupt zu den Farc gegangen sind, schauen sich die beiden Burschen verständnislos an. "Warum?", platzt José heraus. "Das ist doch völlig normal. Es war eine schöne Erfahrung, wir haben das Leben kennen gelernt." Und Fabián ergänzt: "Die Regierung kam nur, wenn sie Stimmen für die Wahl brauchte. Dann wurde viel versprochen. Arbeit zum Beispiel, denn wir hatten immer Hunger. Danach hörte man vier Jahre lang nichts mehr von ihr. Wir wollten nicht warten, bis sich endlich jemand um uns kümmert. Also haben wir uns selbst um uns gekümmert." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

Tausende Kindersoldaten kämpfen derzeit im kolumbianischen Bürgerkrieg. Nur wenige wagen es zu desertieren. Und für noch weniger besteht die Chance auf Resozialisierung. Eine Reportage von Andreas Feiertag.
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