Vom Buschcamp zur Pflegefamilie

16. Jänner 2002, 10:01
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Resozialisierung kolumbianischer Kindersoldaten gestaltet sich schwierig

Bogotá - Gloria Quiceno ist enttäuscht: "Es hat sich nichts geändert. Trotz Bemühungen und Interventionen von Regierungen und Menschenrechtsorganisationen rekrutieren die Farc noch immer Kinder." Die heutige Regierungsmitarbeiterin war bis zu ihrem 28. Lebensjahr selbst Guerillera, stellte sich aber Anfang der 90er-Jahre den Behörden und arbeitet seitdem mit ihnen zusammen. Quicenos größtes Anliegen: die Resozialisierung von Kindersoldaten. Diese findet in einem eigens von der Regierung finanzierten Programm namens "Reinserción Social" statt, das von Quiceno geleitet wird.

Die Kinder und Jugendlichen werden im ganzen Land zu Pflegefamilien gegeben, die sich freiwillig für das Projekt zur Verfügung stellen und von der Regierung für Nahrung und Unterkunft für die Betreuten finanziell entschädigt werden. Auch die Ausbildung der nicht selten mit einer neuen Identität ausgestatteten Pfleglinge zahlt der Staat, Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Familien.

Nachdem die ehemaligen Kindersoldaten eine Berufsausbildung abgeschlossen und "ein selbst erarbeitetes und realistisches Zukunftsprojekt, von dem sie leben können, vorgestellt haben", erhalten sie acht Millionen Peso (4098 Euro) Starthilfe, erklärt Quiceno dem STANDARD. Für ein Restaurant etwa oder eine Viehzucht.

Die aktuelle Zahl der Kindersoldaten ist schwer zu nennen, da es in Kolumbien offiziell verboten ist, Minderjährige zu rekrutieren, und sich verantwortliche Kommandanten bedeckt halten. "Wir lassen keine Kinder für uns kämpfen", behauptet Raúl Reyes, einer der sieben Oberkommandanten des nationalen Führungsgremiums der Farc. "Wir nehmen nur Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren auf." Er wisse zwar, dass es international üblich sei, Soldaten erst ab 18 Jahren zu rekrutieren, "aber wir haben keine Verträge mit der internationalen Staatengemeinschaft, wir haben unsere eigenen Gesetze".

6000 Kindersoldaten

Internationale Kinderrechtsvertreter schätzen, dass bis zu 6000 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren derzeit bei den Guerillas oder den Paramilitärs Dienst versehen. Kindersoldaten, denen die Flucht gelungen ist, müssen mit Verfolgung durch ihre ehemaligen Truppen rechnen. Stellen sie sich den Behörden, werden sie zunächst wie Kriminelle behandelt: Sie werden verhört und eingesperrt.

Die einzige Initiative zur Resozialisierung von Kindersoldaten ist die vor drei Jahren gegründete "Reinserción Social", die allerdings einen Haken hat: Sie ist ausnahmslos für ehemalige Kämpfer der Guerilla vorgesehen, da die Paramilitärs von der Regierung offiziell nicht anerkannt sind (siehe Wissen). 170 Kindersoldaten sind bereits durch das Programm gegangen, 70 werden derzeit betreut.

"Unser größtes Problem", sagt Gloria Quiceno, "ist die Aggressivität, da die Kinder aus einem Umfeld kommen, in dem man sich nimmt, was man will. Notfalls mit Waffengewalt. Und hier, in einer für sie neuen Gesellschaft, stoßen sie dann auf Bürokratie." (fei, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

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