"Saison für Spin-Doktoren"

13. Jänner 2002, 19:26
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Ach, was waren das für schöne Börsenzeiten, als große und kleine Aktionäre am Ende des letzten Jahrzehnts Jahr für Jahr Kapitalgewinne in zweistelliger Prozenthöhe einfuhren. Dieses Börsenwunder ist lange vorbei, geblieben sind viele reiche Glückspilze, die ahnten (oder wussten), wann es an der Zeit war, die Aktienpakete zu versilbern. Und geblieben ist der Frust all jener, die ihr Erspartes mit Investitionen in windige Internetfirmen und lausige Telekomaktien verjuxt haben. Die US-Firma Enron liefert ein ganz normales Beispiel für jene Geschichten von hohem Aufstieg und jähem Fall, wie sie damals en vogue waren. Doch unterscheidet es sich in zweierlei Hinsicht vom ganz normalen Bankrott des 49. Internetsuchmaschinenherstellers: durch das schiere Ausmaß der Pleite, die sie zur größten in der US-Unternehmensgeschichte macht - und durch die Freundschaftsbande, die Präsident Bush mit Enron-Chef Kenneth Lay liieren. Dadurch bekommt die Affäre eine entschieden politische Note. Die Demokraten und viele Medien haben sich voll auf das Thema gesetzt, zumal die Aufmerksamkeit der Konsumenten für das monotone Terror-Thema durch monatelange Frontberichte ohnehin schon arg ausgereizt ist.

Die 20.000 Enron-Angestellten, die sich ihre Altersvorsorge in den Kamin schreiben können, haben den New York Times-Bericht, dass die Enron-Insider im oberen Management ihre Aktien noch zu komfortablen Preisen abstoßen konnten, gewiss mit Interesse gelesen. Ihren verständlichen Impuls, sich an den Verantwortlichen des Debakels - und ihren politischen Freunden - schadlos zu halten, wird das kaum dämpfen. Bush hat also jedes Interesse daran, seine Freundschaft zu Lay eilig in Vergessenheit geraten zu lassen, während umgekehrt die Demokraten schon stark daran arbeiten, den Gedankenkonnex Bush - Lay für kommende Wahlgänge öffentlich zu verfestigen. Die Spin-Doktoren werden in nächster Zeit alle Hände voll zu tun haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

Von Christoph Winder
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