Edmund Stoiber: Ein Bayer, der mehr wie ein Preuße auftritt

14. Jänner 2002, 11:00
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Hans-Dietrich Genscher hat Recht behalten: Der langjährige FDP-Außenminister war schon 1995 "ganz sicher", dass Edmund Stoiber deutscher Bundeskanzler werden wolle. Doch Stoiber schwor jahrelang, dass die Erfüllung seines Lebenstraums das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten sei.

Dafür hat der inzwischen 60-Jährige auch hart gekämpft und Ehefrau Karin sowie die drei Kinder mit eingespannt. Im Windschatten von Max Streibl und Franz-Josef Strauß machte der "große Blonde" in der CSU Karriere: Der damalige Umweltminister Streibl trat für seinen Referenten im Wahlkampf auf, der so innerparteiliche Gegner ausbooten und 1974 in den Landtag einziehen konnte.

Später nahm Übervater Franz-Josef Strauß den ehrgeizigen Juristen unter die Fittiche. Stoiber wurde 1978 Generalsekretär, drei Jahre später Strauß' Kabinettschef. In dieser Zeit erwarb sich Stoiber den Ruf eines Populisten, der auch in unterste Schubladen griff: So warnte er vor einer "rassischen Durchmischung" und bezeichnete linke Schriftsteller als "Schmeißfliegen" - woran er heute nicht mehr gerne erinnert wird.

Nach Strauß' Tod war wieder Streibl als Stoibers Mentor am Zug und machte ihn zum Innenminister. Die Amigo-Affäre - Streibl hatte sich von Freunden aus der Industrie zu Reisen einladen lassen - überstand Stoiber ebenso wie Strauß' Skandale unbeschadet auf seine Weise: Stoiber distanzierte sich stets rechtzeitig genug, sodass er 1993 als selbst ernannter Saubermann Streibl als Ministerpräsident beerben konnte.

Dabei sah sich Stoiber selbst dem Vorwurf der Annahme von Gefälligkeiten ausgesetzt. Stoiber gestand den Fehler wie die Benutzung eines von Audi überlassenen Fahrzeuges für einen Urlaub reumütig ein. Ein weiteres Mal schien seine Karriere gefährdet, als er im Steuerfall des Strauß-Spezis Johannes Zwick wegen eines Fluges nochmals ins Gerede kam. Stoiber stellte sich hier als Opfer von Strauß dar. Auch der Skandal um riskante Investitionen der Landeswohnungsgesellschaft konnte ihm nichts anhaben.

Im Kampf um den CSU-Vorsitz setzte sich Stoiber gegen Theo Waigel durch. Jetzt hat er auch das Duell mit CDU-Chefin Angela Merkel um die Kanzlerkandidatur der Union gewonnen.

Sein eher unbayerisches Auftreten könnte für Stoiber, der im Trachtenanzug mit Sepplhut ohnehin mehr wie ein preußischer Tourist ausschaut, ein Vorteil sein. Denn selbst jenseits des Weißwurstäquators gilt der asketische weißblonde Workaholic als akzeptabel. Sollte es mit der Eroberung des Kanzleramtes in Berlin nicht klappen, strebt der Fußballfan im Freistaat eine andere Karriere an: Sein eigentlicher Traumjob, behauptet er, sei es, Präsident des FC Bayern zu werden. (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

Von Alexandra Föderl-Schmid
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