"Milosevic- Verdrängung"

13. Jänner 2002, 19:20
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Für fast alle jugoslawischen Medien war das wichtigste Ereignis des Jahres 2001 die Auslieferung von Milosevic an das Haager Tribunal. Bei einigen hat das Ereignis zwar negative Eindrücke hinterlassen, aber die Meinungsforschung zeigt, dass die große Mehrheit von einem positiven Schritt der neuen Machthaber spricht.

Wie ist es dann möglich, dass selbst die unsinnigste südamerikanische TV-Seifenoper viel mehr Zuschauer hat als die Direktübertragung der Haager Gerichtsverhandlungen mit den Auftritten des Expräsidenten?

Das vergangene Jahr war wirklich gekennzeichnet von den dramatischen Augenblicken seiner Verhaftung, Augenblicken, die für viele die Schwelle zum Bürgerkrieg bedeuteten, und quälenden, monatelangen Auseinandersetzungen - musste das alles so verlaufen? Warum verfolgt denn fast niemand mehr die Auflösung des Dramas, in dem wir alle teils freiwillig, teils gezwungenermaßen länger als ein Jahrzehnt gelebt haben?

In der Boulevardpresse stimmt das Volk ab: Am komischsten war das Foto eines alten Mannes, dem das Gebiss herausfiel, als er mit dem Schrei "Wir geben Slobo nicht her" seinen Führer zu verteidigen versuchte, oder die Szene, als ein Priester Milosevic eine Bibel ins Gefängnis brachte, er verständnislos darin blätterte und auf die Frage seiner Frau "Du liest das doch nicht etwa?" antwortete: "Aber nein." Wovor haben sich dann die Menschen jahrelang derart gefürchtet, dass sie ihm keinen Widerstand leisten konnten - wenn doch alles so lächerlich war?

Ich gebe zu, auch ich verfolge den Prozess gegen Milosevic nicht. Ich lese nicht einmal die gekürzten Berichte in den Zeitungen. Lieber sehe ich mir den Wetterbericht an oder lese ein dummes Tageshoroskop. Seine öffentlichen Auftritte habe ich nie verfolgt, der immer gleiche aggressive Ton hat auch in mir nur Aggressionen ausgelöst, den unangenehmen Wunsch, jemanden zu schlagen und mit der ganzen Welt abzurechnen.

Ich hatte auch nie Angst vor ihm, dennoch finde ich nichts komisch im Kontext mit ihm. Ich verstehe die Wichtigkeit des Prozesses, mache ständig meine Freunde darauf aufmerksam, dass wir die Wahrheit über die Verbrechen einmal hören müssen. Trotzdem sehe ich mir den Prozess nicht an, nicht einmal in den Nachrichten.

Was ist es, das mich als politisch bewusste Person, die eigenständige Entscheidungen aufgrund von Tatsachen trifft, zum Idioten macht? Zu einem gewöhnlichen Ignoranten, der nicht wissen will?

Ich kenne jemanden, der seit Jahren als Dolmetscher für das Haager Tribunal arbeitet. Er nimmt auch an den Verhandlungen gegen Milosevic teil, obwohl er keinen Kontakt mit ihm hat. Und er sagt, wie quälend es ist, all diese Menschen zu sehen, die mit Handschellen im Gefängnis eintreffen, die so ängstlich und verzweifelt wirken, dass sie einem plötzlich sehr Leid tun. Und wenn dann der Prozess beginnt, wenn die Zeugen auftreten und ihre furchtbaren Geschichten erzählen, dann begreift man, wozu diese kleinen, verlassenen, verzweifelten Gefangenen während des Krieges fähig gewesen sind. Zu welchen Bestialitäten, zu welchen Verbrechen. Und sie können einem nicht mehr Leid tun. Man kann sich nur selbst Leid tun, weil man all das anhören muss.

Ich weiß, dass meine Reaktion ganz menschlich ist, die Kriegsjahre haben bewirkt, dass ich mich verhalte wie ein Kind, dass ich mir die Ohren zuhalte, wenn ich es nicht mehr ertragen kann, dass ich zur Seite blicke, als könnte ich damit die Wirklichkeit auslöschen. Aber meine Unfähigkeit, den Anklagen gegen die Kriegsverbrechen zuzuhören - konkrete, durch konkrete Menschen begangene Verbrechen -, macht mich weniger menschlich, als ich erscheinen möchte. Jedes Mal wenn ich ein Buch aufschlage statt einer Zeitung, wenn ich philosophische Texte anstelle von Gerichtsakten lese, werde ich weniger klug, als ich mich gerne darstellen möchte.

Denn die Wirklichkeit übertrifft selbst den brillantesten Geist und meinen durchschnittlichen zerstückelt und zerbröselt sie, löst ihn auf in dem menschlichen Wunsch zu vergessen.

Mein Horoskop für heute sagt: "Es ist schlechtes Wetter, seien Sie vorsichtig." Und ich sehe mich vor. Ich höre nicht, ich sehe nicht, ich will nicht wissen. In meinem Egoismus achte ich nur auf mich selbst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

Von Biljana Srbljanovic

Übersetzung aus dem Serbi-
schen: Barbara Antkowiak
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