Älpler ohne Heimvorteil

13. Jänner 2002, 18:59
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Warum die Konkurrenz im Slalom weit dichter ist als in den schnellen Disziplinen

Saalbach-Hinterglemm - Geschmäcker wechseln mitunter von einem Tag auf den anderen. Hilde Gerg etwa hielt überhaupt nichts von Doppelabfahrten, also zwei Rennen an zwei aufeinander folgenden Tagen auf ein und derselben Piste. Jetzt sieht sie das nicht mehr so eng, hat gegen die Doppelveranstaltung auf dem Zwölfer überhaupt nichts einzuwenden, schließlich gewann die Bayerin aus Lenggries beide Rennen, und dass sie nun als Favoritin für die Olympischen Spiele gehandelt wird, taugt ihr.

Den Stoffhasen, den ihr Katja Seizinger, Deutschlands bisher letzte Doppelsiegerin (Lake Louise, 1997) nach dem Beinbruch 2000 ans Krankenbett gebracht hat mit der Auflage, ihn beim ersten Sieg nach der Verletzung zurückzugeben, besitzt sie immer noch, der wird auch mitfliegen nach Salt Lake City und einfach nicht mehr hergegeben. Renate Götschl (2.), Michaela Dorfmeister (3.) und Brigitte Obermoser (4. gemeinsam mit der Schwedin Pernilla Wiberg), die immer besser in Schuss kommen, werden auch mitfliegen nach Amerika, wenn sie sich nicht wehtun.

Weg von der Musi

Selbst österreichische Slalomfahrerinnen werden mitwirken bei Olympia, obwohl die gegenwärtig nicht wirklich dabei sind bei der Musik. "Ich stelle mich schützend vor die Mädchen", pflegt Österreichs Slalom-Trainer Mathias Berthold zu sagen, wenn man mit ihm die Weltrangliste bespricht, in der die Österreicherinnen weit hinten liegen. Karin Köllerer hat aufgehört, sie ist schwanger, ein paar Generationen aus dem Land der Berge sind überhaupt nicht vorhanden im Rennsport.

Die Gründe müsse man erst analysieren, sagt Berthold, an den schneearmen Wintern der Neunzigerjahre liege es jedenfalls nicht. Was die mittlere Zukunft betrifft, sei ihm nicht bange, das Interesse der Jugend am Skisport sei gegenwärtig enorm, kürzlich besuchte er ein FIS-Rennen, bei dem 140 Läuferinnen mitmachten.

Stabilisieren der Jugend

Bertholds Anliegen ist es nun, Carina Raich (22) und Christine Sponring (18), die erst während der Vorjahrssaion in den Weltcup gedrungen sind, in die erste Startgruppe zu bringen, schön wäre es, wenn dies bis Olympia gelänge. Die Steigerung der beiden sei ohnehin beachtlich, Sponring hat ja in St. Anton überraschend WM-Kombi-Silber gewonnen, und von Marlies Schild (20) und der 16-jährigen Michaela Kirchgasser, die zu Saisonbeginn noch 140. der Welt war, werde man auch noch viel hören, wenngleich der Gedanke an eine Olympiamedaille derzeit vermessen sei.

Im Slalom fahren Damen aus Finnnland, Schweden, Slowenien, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Kroatien, der Slowakei, Norwegen, Amerika ernsthaft um den Sieg, die Konkurrenz ist weit dichter als in den schnellen Disziplinen, in denen die klassischen Skinationen dominieren, und bei den Herren gilt naturgemäß das Gleiche. Das liegt daran, dass man zum Slalomtraining keine Berge braucht, und also die Älpler keinen Heimvorteil haben. Zudem ist das Training wesentlich weniger aufwändig, man braucht keine Heerscharen an Betreuern, um die Strecken zu präparieren und abzusichern.

Für Slalomübungen reicht sogar die Halle, und selbst die österreichischen Nachwuchsfahrerinnen trainierten schon in Marc Girardellis Indoor-Skigebiet in Bottrop im Ruhrgebiet.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 14.1. 2002)

Benno Zelsacher

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