"Kenny Boy" wird zur Belastung für Bush

13. Jänner 2002, 23:09
1 Posting

US-Kongress untersucht Bankrott des Enron-Konzerns - und Beziehungen zum Präsidenten

In den amerikanischen Medien schlägt die Pleite des US-Energiekonzerns weiter hohe Wellen. Die New York Times berichtete am Sonntag, dass viele Enron-Spitzenmanager Firmenanteile im Gegenwert von insgesamt 1,1 Milliarden Dollar (1,121 Mrd. EURO, 15,43 Mrd. S) verkauft hätten, kurz bevor die Talfahrt der Aktie begann. Während sich verschiedene Kongresskomitees und das Justizministerium auf eine langwierige Untersuchung der größte Pleite in der US-Geschichte vorbereiten, ist man im Weißen Haus weiter eifrig damit beschäftigt, die engen Beziehungen zwischen Enron und der Bush-Regierung herunterzuspielen.

Präsident George Bush bezeichnet Enron-Chef Kenneth Lay nur als einen "Anhänger", allerdings einen, dessen Brieftasche seit Jahren für Bush geöffnet war: In seiner Politkarriere hat Bush von Lay persönlich, Enron und Angestellten der Firma etwa 550.000 US-Dollar (616.000 ) an Spenden erhalten. Aber die Mär einer Intimfreundschaft mit dem von Bush als "Kenny Boy" bezeichneten Lay sei, so Bush-Sprecher Ari Fleischer, "lächerlich".

Politisch verwertbar

Die Demokraten reiben sich die Hände, denn die Verbindungen zwischen Enron und dem Weißen Haus können bei nahezu jedem Szenario politisch verwertet werden: Sollte sich herausstellen, dass die Bush-Regierung auch nur vage Überlegungen angestellt hatte, wie man dem Energiekonzern aus der Patsche helfen und den Bankrott verhindern könne, kann argumentiert werden, dass die von Bush während des Wahlkampfes so scharf verurteilte "Freunderlwirtschaft" von ihm selbst praktiziert wurde.

Ergeben die Untersuchungen jedoch, dass niemand im Weißen Hauses einen Finger für das sinkende Enron-Schiff gerührt hat, können Bush und seine Mannen von den Demokraten noch immer damit bezichtigt werden, dass sie nichts unternommen hätten, um Aktieninhaber und Angestellte der Firma zu schützen.

"Das Weiße Haus wusste, dass Enron untergehen wird", erklärt der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxman, "und hat nichts getan, um unschuldige Angestellte und Aktieninhaber, die ihre gesamten Ersparnisse verloren haben, zu schützen." Das Weiße Haus kontert, das Arbeitsministerium habe bereits drei Tage nach dem Bankrott der Firma am 5. Dezember eine Untersuchung angekündigt, ob Enron leichtfertig mit den Pensionsgeldern seiner Angestellten umgegangen sei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 1. 2002)

Die Enron-Pleite versetzt dem durch seine Erfolge an der Antiterrorfront verwöhnten Kriegspräsidenten Bush einen Dämpfer. Das Weiße Haus versucht, die Freundschaft von Enron-Chef Lay zu Bush herunterzuspielen.

Von STANDARD-Korrespondentin Susi Schneider aus New York
Share if you care.