Analyse: Bankenfusionen bringen kräftigen Aderlass für die Wiener Börse

13. Jänner 2002, 18:30
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Mit Jahreswechsel gingen zwei große Marktteilnehmer verloren

Die per Jahreswechsel vollzogenen Fusionen der Großbanken rauben der Wiener Börse einen weiteren riesigen Brocken ihrer Lebensgrundlage, die ohnehin seit Jahren als besonders dünn beklagt wird: den Umsatz. Durch die Zusammenlegung der Handelsaktivitäten von Raiffeisen Zentralbank (RZB) und Centro Bank sowie von Bank Austria (BA) und Creditanstalt (CA) hat die Börse zwei der größten Marktteilnehmer, die für Umschlag in den Aktientiteln verantwortlich waren, verloren.

"Das merkt man schon deutlich, dass die ihre Bücher zusammengelegt haben", heißt es im Handelsraum einer anderen Großbank. Die Fusionierten haben auch mehr als ein Dutzend Market-Maker-Verpflichtungen zurückgelegt. Das sind jene Kommitments, mit denen sich Marktteilnehmer verpflichten, Kurse zu stellen und diese mit Umsatz zu befüllen - auch wenn keine Kundenorders im Markt sind. Und das ist in Wien ja besonders häufig der Fall.

Zu viert Karten spielen

"Es ist jetzt wie ständig zu viert Karten spielen", umschreibt der einzige freie Makler an der Börse, Hans Wanovits von der Euroinvest, die Situation. Schon vor den Fusionen lautete die ständige Kritik an Wien, dass mit wenigen Hundert Stück Aktien die Kurse um einige Prozent bewegt werden können und Aktien so zum Spielball gewisser Interessen verkommen.

Auf dem Papier hat die Wiener Börse nämlich 70 Marktteilnehmer, tatsächlich sind aber nur rund sieben aktiv am Handel beteiligt. De facto teilen sich jetzt vier Institute den Markt: RZB/Centro, Erste Bank, BA/CA und Deutsche Bank. Es folgen Euroinvest, Bank Gutmann und Dresdner Kleinwort Benson.

Das deutsche Bankhaus Oppenheim - angeschlossen, aber nicht aktiv wie die meisten - erklärt seine Mitgliedschaft in Wien mit Prestige: Die Kosten von einigen Tausend Euro im Jahr fielen nicht ins Gewicht - wenn aber ein Kunde ordern wolle, dann müsse man handeln können.

Ausländer zeigen kaum Interesse

Dass ausländische Fonds besonderes Interesse an österreichischen Titeln zeigen könnten, bezweifeln Händler allerdings, vor allem weil Österreich im wichtigsten Orientierungsindex der Branche, im MSCI (wegen geringen Streubesitzes in den meisten Aktien), um 50 Prozent gekürzt worden ist. Das heißt: Ein Indexfonds kann auf diese Aktien praktisch verzichten.

Dazu kommt noch, dass nur eine Hand voll Titel international als interessant angesehen wird. Daher rührt auch die Sorge, dass ein Verschwinden der Telekom Austria einem Todesstoß der Wiener Börse gleichkäme.

Von großen Transaktionen ist auch kaum etwas zu erwarten: Sie werden meist in außerbörslichen Blöcken abgewickelt. Dass trotz der statistisch errechneten sieben Prozent Aktienbesitzer in Österreich kaum Privatanleger an der Heimatbörse unterwegs sind, ist auch nicht neu. Ebenso die wenigen institutionellen Anleger im Land. Daraus ergibt sich, dass jährlich geschätzte 1,09 Mrd. Euro (15 Mrd. S) Anlagegelder ins Ausland abfließen. Experten zufolge wird sich dieser Strom durch die Euroumstellung noch verbreitern.

"Jetzt müssen Banken und Börse voll ins Marketing, denn jetzt werden die Matratzen umgedreht", sagt Wolfgang Matejka, Geschäftsführer der Kapitalanlagen in der Allianz. Als Hälfteeigentümer der Wiener Börse hätten die Banken Vermarktungsverantwortung wahrzunehmen, verlangt er. Im noch dünner gewordenen Wiener Markt sieht er auch Chancen: Nischenanbieter hätten jetzt ihre Stunde, die den Unternehmen Alternativen zur "Umarmung der Großbanken" anbieten könnten.(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 14.01.2002)

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