Computersystem ermöglicht Gelähmten soziale Kontakte

12. Jänner 2002, 13:37
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Medizinpsychologe Birbaumer: Lebensqualität statt Sterbehilfe

Von Kopf bis Fuß gelähmte Menschen können dank eines Gedankenübersetzungssystems (Thought-Translation-Device) mit ihrer Umwelt kommunizieren. Dazu wird ihr Gehirn mit einem Computer verbunden. Die Schlaganfall-oder Locked-in-Patienten beobachten nun ihre Gehirnaktivität auf dem Bildschirm oder via akustischer Rückmeldung. Und lernen, diese Aktivität bewusst zur Kommunikation einzusetzen.

Eine halbe Seite in einer Woche

Entwickelt wurde das System vom Auslandsösterreicher Niels Birbaumer, medizinischer Psychologe an der Uni Tübingen. Doch die Geschwindigkeit der Kommunikation war bisher gering. "Für einen Brief von einer halben Seite", illustriert der Verhaltensneurologe, "brauchen sie mindestens eine Woche, wenn sie jeden Tag eine Stunde daran arbeiten." Denn die Buchstaben müssen einzeln durch entsprechendes Biofeedback auf Vorgaben auf dem Monitor angewählt werden.

Schneller durch Training

"Wir haben nun", berichtet Birbaumer dem STANDARD von einer Verbesserung, "ein uni- versell einsetzbares System entwickelt, das verschiedene Hirnzustände aufnimmt." Für jeden Patienten sucht der Computer jene hirnelektrische Veränderung, die individuell am besten kontrollierbar ist, etwa einen Rhythmus von 15 Hertz. "Das System sagt dann: Ihr kommt schneller voran, wenn ihr das trainiert", so Birbaumer.

Weitere Neuerung: Es wählt jenen Ort im Gehirn, "der am besten funktioniert"

"Bisher hatten wir nur eine Art von Hirnaktivität zur Auswertung, langsame Hirnpotenziale." Das sind elektrische Veränderungen des Gehirns, die dauernd ablaufen und vom Elektroenzephalogramm erfasst werden. Und manche Patienten konnten sie nicht erzeugen, weil dafür möglicherweise schon zu viele motorische Zellen im Gehirn zerstört waren.

"Meist umgebracht"

Birbaumer appelliert, Depressionen dieser Menschen zu behandeln und ihnen von der Lebensqualität zu erzählen, die dank (oft nötiger) künstlicher Beatmung und Kommunikation gewährleistet werden kann. Mit dieser Information würden sich 90 Prozent nicht für aktive Sterbehilfe entscheiden. "Deswegen wende ich mich vehement gegen das niederländische Gesetz", sagt Birbaumer.

"Es wird ein impliziter Druck auf den Patienten ausgeübt, sich umbringen und sich bloß nicht beatmen zu lassen. Die Leute, die diese Krankheit haben, werden ja meist umgebracht", empört sich Birbaumer. Nachsatz: "Auf eigenen Wunsch." In seiner Ablehnung finde er sich, bedauert Birbaumer, in einer Allianz, die er nicht mag. Aber: "Diesen familiären, ärztlichen oder versicherungstechnischen Druck kann ich nicht ausschließen bei dem Gesetz."(Roland Schönbauer /Der Standard, Printausgabe vom 12./13.1.2002)

Birbaumer referiert beim Forum des Wissenschaftsfonds am Mittwoch, 16. 1., um 18,30 Uhr im Festsaal der Bank Austria, Renng. 2, 1010 Wien.
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