Geschichte(n), die man sich (nicht) ausssucht

14. Jänner 2002, 21:07
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Blitzlichter einer Reise

Intellektuelle, die gegen Geschichtslügen und xenophobe Mitbürger wettern; Politiker, die dennoch eine Öffnung zum globalen Markt beschwören; eine Kultur-Industrie, die bevorzugt Klischees vermarktet - gegen avantgardistische Einzelleistungen. So manches zwischen Sydney und Melbourne kommt einem bekannt vor: Blitzlichter einer Reise.

Von Claus Philipp

Es müssen nicht immer Buschbrände sein. Wer nach Australien reist, um Kunst und Kultur zu sichten, darf auf vielfältige Weise zur Kenntnis nehmen, dass die Natur hier (aus europäischer Sicht) gern heftig ihr Recht einfordert - selbst wenn man sich in den Glas- und Betonburgen im Zentrum von Sydney ganz gern in urban kultivierter Sicherheit wiegt. "Sie haben Glück gehabt", sagt der pakistanische Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Sydney. "Das strahlende Wetter täuscht. Noch vor zwei Stunden hatten wir einen mörderischen Wirbelsturm. Teile der Stromversorgung wurden lahm gelegt. Angeblich gab es sogar Todesopfer."

Immer noch ist es in diesen frühabendlichen Stunden eines der ersten Hochsommertage Anfang Dezember kühl und windig, "aber besorgen Sie sich möglichst schnell Sonnencreme", warnt der Fahrer noch, "mit möglichst hohem Schutzfaktor. Und einen Hut. Und langärmelige T-Shirts haben Sie hoffentlich mitgebracht. Selbst an bewölkten Tagen..."

Am folgenden Morgen betrauern die Tageszeitungen dann tatsächlich zwei Kinder, die auf einem Schulausflug in einem Eukalyptushain campierten und von heruntergewehten Ästen erschlagen wurden. Überleben scheint aber auch im Info- und Entertainment-Bereich eine wesentliche Rolle gespielt zu haben: Die Jahrescharts der Fernsehsender vermelden, dass neben Big Brother vor allem die Reality-Show Survivor Quote gemacht hat: In der jüngsten Staffel ging es darum, in den Wüstenlandschaften des Outback durchzuhalten. An die Quoten dieser Extrem-Sendung kommen nur noch Sportübertragungen heran, aber, so der Sydney Morning Herald, "auch der 11. September hat uns in den Bann gezogen".

Durch Avenues brandet indessen die Menge der in der City arbeitenden Anzugträger: "Ich finde, die Leute hier sind wesentlich fitter als etwa in New York", wird mir später eine Bekannte erklären. "Das Rauchen in Restaurants wurde vor einigen Monaten endgültig verboten." Überhaupt sind in der ganzen Stadt Aschenbecher Mangelware, und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Warnung SMOKING KILLS auf den Zigarettenpackungen größer als die Markennamen ist. Heftiges Biertrinken hingegen scheint der Gesundheit zuträglich zu sein: Am Abend wird man in Bars immer wieder Zeuge einer kollektiven Auflösung, in der sich die Gesichter röten und die Stimmen erheben, zumindest in der Zeit der vorweihnachtlichen Betriebsfeiern. Es kann da schon vorkommen, dass einem ein "Buddy" auf die Schulter klopft: "Hey guy, what are you doing here? You are writing about arts???"

Sehr gerne wird einem dann ein Besuch der Oper von Sydney nahe gelegt. Als ob es sonst nichts Einschlägiges gäbe. Oder man wird gefragt, ob man Cate Blanchett kenne. "Ja, ja, in Sydney nehmen sie's alle ein bisschen leichter", wird man Tage später nach der Schilderung solcher Situationen von Gesprächspartnern im ungleich intellektuelleren Melbourne zu hören bekommen. "Die haben dort unten ein bisschen zu viel Sonne und Wassersport."

Andererseits: "Wir sind eine Nation von Sportbegeisterten. Wir sind ein jugendliches, ein junges Land." Das hört man oft in Australien. "In Teamsportarten sind wir am besten." Wahrscheinlich braucht es diese Mischung aus Frohsinn und Ignoranz, um einer Landschaft gerecht zu werden, der man bei all ihrer Schönheit akzeptable Lebensbedingungen in permanenter Gewaltanstrengung abringen muss. Daneben bleibt, zumindest auf den ersten Blick, wenig Zeit für die Auseinandersetzung mit Geschichte. Und erst recht in den Hintergrund gedrängt sind, wenn man die australischen Zeitungen und TV-Sendungen studiert, Kunst und Kultur. Interviews mit oder Texte von Intellektuellen existieren im Alltagsbetrieb praktisch nicht. Wenn eine Veranstaltung oder ein Werk reüssieren will, dann müssen sie beworben werden wie ein Kinosuperhit. (Und wenn zum Beispiel die Schauspielschule NIDA einen höchst beachtlichen Theaterneubau wagt, dann schreibt zuerst die Tatsache Schlagzeilen, dass NIDA-Absolvent Mel Gibson 2 Millionen Dollar gespendet hat.)

Die Rezensenten ihrerseits bevorzugen bei ihren Texten die Form der Nacherzählung. Sehr schnell wird bewusst, dass Australien in allem Bewusstsein diverser europäischer Wurzeln von den damit verbundenen Traditionen weitgehend abgekappt ist. Viele Kunstschaffende geben gerne zu, dass dann in forschem Vorwärtsstürmen durchaus immer wieder "das Rad neu erfunden" werden kann. Sie schreiben dies gerne der großen Distanz zu den anderen "westlichen" Kulturkreisen zu, die in Zeiten vor dem Internet jede Kontaktaufnahme und jede Bildungsreise zur Gewaltanstrengung werden ließ und noch heute beträchtlichen Aufwand erfordert.

Im letzten Jahr immerhin hat ein stärkerer Schub an Aufarbeitung dieser immer wieder verdrängten Defizite stattgefunden. Gerade einmal 100 Jahre alt ist die "united democratic nation" Australien geworden. Und auch als Opposition gegen die rechtskonservative Regierung unter John Howard wurde anlässlich der Geburtstagsfeiern der "Federation" immer wieder "Öffnung" eingefordert: Öffnung gegenüber der eigenen Geschichte, in einer Gesellschaft, die über Jahrhunderte hinweg ihren Reichtum gerade durch Einwanderung und Einflüsse verschiedenster "fremder" Kulturen entwickelt hat - und jetzt plötzlich die Schotten dicht machen soll. Öffnung auch gegenüber der Historie einer vormaligen Gefangenenkolonie und eines lange Zeit kolonialistisch verwalteten Commonwealth-Staates, in dem die Urbewohner, die Aborigines bis an den Rand zur Auslöschung entrechtet waren.

Aber bedingt dies sofort seriöse historische Aufarbeitung? Nicht unbedingt, meinte etwa der Schriftsteller Rodney Hall im Mai vergangenen Jahres in einer viel beachteten Rede beim Melbourne Festival: "Das Problem einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte ist: Leute picken sich eine Auswahl von Geschichten heraus. Geschichten, mit denen sie umgehen können. Das ist riskant, denn die Geschichten entwickeln natürlich eine gewisse Macht. Wir denken vielleicht, dass wir sie ausgewählt haben, aber im Endeffekt formen sie uns. Und da diese Geschichten nicht nur unser Selbstbild prägen, sondern in weiterer Folge auch unsere Taten, könnte das zu einem unehrlichen Leben und Handeln führen."

Hall forderte als Konsequenz Verbesserungen im Bildungsbereich, "damit unsere jungen Leute nicht länger einfach Dinge aus dem Zusammenhang reißen können, die sie dann für ihr Selbstbildnis" - multikulturelle Einstellung, flexibel, dynamisch - "brauchen und benutzen können". Er warnte davor, dass in Australien alles an Geschichte und Geschichtsvermittlung von ökonomischen Interessen voran getrieben werden. Kurz: Wenn die Nation etwa auch diese wirtschaftlichen Faktoren - von früherer Sklavenarbeit bis herauf zur bis dato verweigerten 'reconciliation' mt den Aborigines - ins Geschichtsbild mit einbeziehen würde, wäre sie, so Hall, ein wenig weiter.

Allein, der Weg dorthin ist, bei aller sportlicher Energie, lang und mühsam. Und er ist oft gesäumt von gut gemeintem Kitsch. Wenn die Nationalgalerien in Sydney und Melbourne etwa Sammlungen oder historische Retrospektiven zur australischen Kunstgeschichte präsentieren, dann ergibt das mitunter obskure Mischungen aus dem, was eben da ist (das resultiert oft aus Spontan-Ankäufen irgendwelcher Mäzene) und wirklichen Entdeckungen wie den Landschafts- und Städteporträts des Malers Tom Roberts oder den lichtdurchflossenen Einsamkeiten, wie sie Frederick McCubbin 1905 mit Lost kreierte.

Auffällig, wenn auch vielleicht ein Zufall, aber in jedem Fall erfreulich war im Dezember ein verstärktes Aufkommen von Fotoausstellungen, in denen das staatstragende, selbstbetrügerische Element unterwandert wurde. Sharpies nennt der Künstler Peter Robertson eine Kompilation von Jugend-Schnappschüssen aus den Vororten von Melbourne (Sie ist noch bis 3. März im Museum of Contemporary Art, kurz: MCA in Sydney zu begutachten): Robertson greift dabei auf private Aufnahmen zurück, auf denen er sich selbst und andere Mitglieder einer sehr spezifischen Ausprägung von Skinheads-Bande porträtierte. Die Selbstinszenierungen der offenbar kampfeslustigen Jungen stehen in hartem Kontrast zur nostalgischen Patina der Fotos. Muskelbepackte Körper in superengen Pullovern kommentieren auch die Brüchigkeit des vermeintlichen Einfamilienhaus-Idylls.

In Sydney wirkt so ein avantgardistisches Programm naturgemäß noch mehr an den Rand gedrängt als anderswo. Andererseits steht das MCA mitten im kulinarisch renovierten historischen Zentrum am Hafen, und nachdem das Museum jahrelang ums ökonomische Überleben kämpfen musste, ist es jetzt ziemlich gut besucht - auch um den Preis, dass ein Stockwerk unterhalb der Sharpies eine Ausstellung namens Neo Tokyo eher spekulative grelle Signale setzt - "Öffnung" in Richtung Asien ist momentan beim jungen Publikum sehr beliebt.

Sehr beliebt waren zuletzt auch zwei neue australische Filme, beide in einer Weise hochgejubelt, die kaum noch Gegenstimmen zuließ - auf exemplarische Weise: Lantana von Ray Lawrence, Murder Mystery und episodisches Porträt von Kleinbürgerfamilien in Sydneys Suburbia zugleich, wurde etwa dafür gepriesen, dass man in der australischen Öffentlichkeit kaum jemals sieht, dass Männer weinen. Dass so etwas nicht von großen internationalen Festivals gewürdigt wird, mochte man in Australien kaum verstehen. One Night the Moon wiederum, ein auf Video gedrehtes Regiedebüt, erzählt die Geschichte eines versoffenen weißen Farmers, dessen Tochter, die sich im Outback verirrt hat, deswegen sterben muss, weil er sie nicht von einem Aborigine suchen lassen will. Das ergäbe vielleicht, bei nötiger lakonischer Distanz, einen guten Western. One Night the Moon versucht sich aber als Musical an der Ästhetik des Videoclips. Und seine "Botschaften"/Refrains sollen aufwühlen: "This Land is mine", singt der Farmer. "This land is me", hält der Aborigine entgegen. In den Programmkinos sind sich alle Zuseher einig, dass das wichtig und richtig ist. Über die Wirkung einer politischen Belangsendung geht es nicht hinaus.

Nur als "Belangsendung" jedoch kann Kunst mit den "großen" Medien in "Oz" kommunizieren. Es ist bezeichnend, dass die beste Filmkritik im Lande in einem Nischenprodukt nachzulesen ist: Im Internet-Magazin Senses of Cinema, Redaktionssitz Melbourne, sucht man offensiv Kontakt zu internationalen Debatten und historischen Kontexten. Mit diesem Blick über den Insulaner-Tellerrand macht man sich dem Vernehmen nach nur bedingt beliebt.

Wie gesagt: Melbourne hat eben weniger Sonne, kaum Wassersport. Es hat ein ziemlich gutes Filmfestival. Und rund um die Universität bildet sich eine breite Anwärterschaft für kommende Beiträge für die Ars Electronica heran. Die Company in Space, gegründet von Hellen Sky und John McCormick, arbeitet hier seit geraumer Zeit an Kommunikationsformen zwischen modernem Tanz und digitalen Programmen, in denen zum Beispiel reale Bewegungen auf Avatare übertragen werden. Es will so scheinen, als ermögliche die Verweigerung der Mainstream-Schienen in Australien trotz aller öffentlicher Ignoranz doch auch ziemlich große Freiräume.

"Es ist ja durchaus befreiend, wenn man sich hier einmal nicht mit den europäischen Traditionsbürden und Maßstäben auf den Weg machen muss", sagt etwa auch der italienische Theatermacher Renato Cuocolo. Früher hat er unter Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand gearbeitet. Jetzt kreiert er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Roberta Bossetti (und von europäischen Theaterexperten weitgehend ignoriert) ungleich intimere dramatische Situationen.

Zuletzt hat das Künstlerpaar unter dem Titel The Secret Room ein Abendessen mit einer geheimnisvollen Gastgeberin für nur sieben Zuseher pro Abend in einen verstörenden Monolog kippen lassen. Und auch jetzt dürfen lediglich sieben Zuseher pro Abend live die jüngste Produktion The Room of Evidence miterleben. Mit einem Kleinbus werden sie von Cuocolo quer durch Melbournes berühmten Vorort Brunswick chauffiert und schließlich vor einem kleinen Reihenhaus abgesetzt. "Hier ist der Schlüssel. Tun Sie, was Sie wollen", sagt der Regisseur, der vorher die Fahrt mit mysteriösen Bemerkungen über schuldbeladene Straßen und Gebäude in Norditalien kommentiert hat. Dass drinnen im Haus plötzlich eine Frau aus der Dusche stürmen wird, mit dem Ausruf "Was machen Sie hier?" - man weiß es aus hymnischen Rezensionen: Leider bereiten einen diese Texte nicht darauf vor, dass auf diesen Thrill eine brütende Traumvision folgt, die David Lynchs Filmen durchaus ebenbürtig ist. Ein weiterer Clou: die sieben Live-Beobachter werden ihrerseits auf einer Homepage im Internet zu "Darstellern".

Im Bus geht es nach irritierenden 50 Minuten in diesem Geisterhaus wieder zurück zum ursprünglichen Treffpunkt - vorbei an ähnlichen Bungalows, in denen, so phantasiert der Fahrgast, ähnliche Dramen stattfinden könnten. Roy Orbison singt im Autoradio In Dreams. Am Himmel über Melbourne sammeln sich rasend schnell die Wolken. Jetzt wäre wieder Gelegenheit für einen Wirbelsturm.


WEB-TIPPS:
Offizielle Informationen und Daten zu Australien: www.dfat.gov.au
Museen in Sydney: www.artgallery.nsw.gov.au, www.mca.com.au, www.phm.gov.au
National Gallery of Victoria/Melbourne: www.ngv.vic.gov.au
Pläne für den in Bau befindlichen Federation Square in Melbourne: www.federationsquare.com
Renato Cuocolo und Roberta Bosetti: www.iraatheatre.com.au
Company in Space: www.companyinspace.com.au
Filmmagazin "Senses of Cinema": www.sensesofcinema.com

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 1. 2002)
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