Jauch-Virus erfasst Unternehmen

17. Jänner 2002, 19:14
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In der Berufswelt wird gute Allgemeinbildung immer wichtiger

Was, Sie halten Tegucigalpa für eine mexikanische Schnapssorte? Es ist aber die Hauptstadt von Honduras. Wie bitte, Sie haben noch nie von Honduras gehört, von Fußballkrieg und Maya-Kultur? Sie vermuten das Land in Afrika! Nein nein, so kommen wir nicht zusammen.

Wissen ist in

Wer glaubt, dass einem beim Testgespräch so etwas nicht unterkommen kann, weiß nicht, dass der Jauch-Virus längst die Unternehmen erreicht hat. Tests, die punktuelles Wissen abfragen, wird eine größere Aussagekraft zugeschrieben als Schulnoten und Führungszeugnissen. Erwartet wird auch Risikobereitschaft beim Casting.

Wenn die Quizgesellschaft Leute in Serie hervorbringt, die vor einem Millionenpublikum neben Kenntnis auch noch Glück und eiserne Nerven beweisen, gilt der Ablaufplan auch beim Einstellungsgespräch. Entweder es läuft oder man blamiert sich - mitmachen ist alles.

Bei der Deutschen Bank bewerben sich jährlich Zehntausende. Wie soll herausgefunden werden, wer als Kandidat taugt? Zu diesem Zweck wurden Tests entwickelt, bei denen sich alle Bewerber 30 Fragen gefallen lassen müssen. Was verlangt der Paragraph 218? Was ist Software? Was sind Schwarze Löcher? Mit der Prüfung der Allgemeinbildung sollen "kognitive Fähigkeiten" der Kandidaten ermittelt werden. Das Urlaubsunternehmen TUI lässt zukünftige Auszubildende eine Reiseroute von Deutschland in ein anderes Land, bei dem mehrere andere Staaten durchquert werden, entwickeln. In 90 Prozent der Fälle wird so die Spreu vom Weizen getrennt. Erstaunlich, wie groß geographische Unwissenheit noch in der restlos vermessenen Welt ist.

Auch Behörden mischen beim Wissenabfragen mit. Für sie hat die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP) einen Testdurchlauf entwickelt, der die persönliche Motivation etwaiger Beamter auf den Prüfstand stellt. Wer sitzt im Deutschen Bundesrat? Was ist eine Insolvenz? Und was ein Schatzbrief? Die Ergebnisse sollen ernüchternd sein, das allgemeine Wissensniveau sei gesunken.

Getestet wird mittlerweile überall, Unternehmen und Ausbildungsstätten sind aufgeschreckt, seitdem bekannt ist, dass jeder zweite Deutsche Probleme mit der Rechtschreibung hat und die Lesefreude bei Schülern dramatisch zurückgeht. Kritiker meinen, die Abfragerei würde nichts über die Fähigkeiten von Bewerbern aussagen, aber Arbeitgebern ist trotzdem wichtig, dass ihre Leute wissen, wer der Bildungsminister ist.

Dass die Tests meist schriftlich ablaufen, dient der Konzentration und lässt nebenher einen Blick auf das Schriftbild der Kandidaten zu.

Das unterscheidet auch den Bewerbungsernst vom TV-Spaß, denn mancher Personalchef würde wohl allzu gern mal auf Jauch machen. So aber können Wissenslücken weder zugekleistert, noch kann der Kandidat verbal bedrängt werden. Ohnehin kommt es darauf an, ein Labor im Kopf zu betreiben. Wer da, wo er real kein Wissen abrufen kann, logisch experimentiert, kommt mitunter weiter. So ist das in jedem Quiz: Manchmal muss geraten werden.

Das kann man üben. In einer neuen Sendung bei RTL am Samstagabend ("Deutschlands klügste Kinder") fragt Sonja Zietlow Allgemeinwis-sen aus den Gebieten Musik, Literatur, Geschichte, Sport, Archäologie, Geographie, Religion, Wissenschaft, Sprachen, Politik und Biologie ab. Die Moderatorin selbst fiel auf, als sie Jauchs "IQ"-Sendung als Gewinnerin verließ - der Beginn ihrer Karriere.

Wissen lässt Rückschlüsse auf persönliche Kompetenz zu, Treffsicherheit beim Antworten zeigt, dass jemand schnell erfasst, rasch lernt. Wer hätte nicht gern Mitarbeiter, die Millionär werden wollen? Die Fähigkeit zum Wissenserwerb und zur Wissensnutzung ist der eigentliche Gewinn der Tests.

Es ist einfach angenehmer für Kunden, einem Unternehmensvertreter zu begegnen, der sich in dieser Welt auskennt. Das schafft Vertrauen und beflügelt das Verhandlungsgespräch. Wenn es ein arbeitsloser Werkzeugmacher bei Barbara Stöckl zum Millionär gebracht hat, dann sollte es auch Akademikern möglich sein, mit Wissen Eindruck zu machen. Also: Wie heißt doch noch mal die Hauptstadt von Ecuador? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. Jänner 02)

von STANDARD-Mitarbeiter Roland Mischke
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