Gesundheitssystem: Übers Rationieren reden - von Roland Schönbauer

11. Jänner 2002, 20:31
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Alles eine Frage der Dosis, dürfte sich Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck Freitag gedacht haben. Ein bisserl Krankjammern des Gesundheitssystems mag ja angehen, auf dem Weg weg von der Pflichtversicherung zur Versicherungspflicht. Aber dass jetzt alle Seiten von "Leistungskürzungen" reden, geht zu weit: Kassen tun es warnend - sie wollen mehr Geld. Detto die Ärztekammer, die ihre gar nicht mehr subtile Strategie fortsetzt, verunsicherte Patienten gegen die politisch Verantwortlichen in Stellung zu bringen. In den Chor derer, die von Leistungsbegrenzung reden, fügt sich - als Beitragszahler mit anderer Interessenlage - auch die Wirtschaft ein.

Also kalmiert FP-Mann Waneck. Tenor: Keine Angst, irgendwie bleibt das System ohne neue oder höhere Beiträge finanzierbar. Kein Wunder, denn die Diskussion geriet zur Systemkritik, wie sie grundsätzlicher nicht sein konnte: Walter Dorner, Wiener Ärztekämmerer, nahm das Tabuwort in den Mund: "Rationierungen". Als Unterstellung Richtung Wirtschaftskammer gedacht, weist es den Weg zur Reform. Denn wer nicht über Beiträge reden will, muss über Leistungen reden.

Höchste Zeit, weil Rationierung längst geschieht - freilich ohne breite Debatte. Also reden wir übers Rationieren. Zum Beispiel über Wartelisten: Wenn eine 89-Jährige mit zwei (!) Prozent Sehvermögen wegen grauen Stars auf eine Operation acht Monate später vertröstet wird, ist das eine Schweinerei, aber nicht selten. Zumindest wenn sie eine Zusatzversicherung hat wie in diesem Fall: Derselbe Arzt operierte die Dame schon nach wenigen Wochen in einer Privatklinik. Gängige, aber intransparente Zweiklassenmedizin.

Der Qualitätsmanager und Geburtshelfer Norbert Pateisky spricht als einer der wenigen im System offen darüber: "Rationierung hat viele Gesichter, etwa wenn man einer Einrichtung weniger Ressourcen zuordnet." Oder einer Disziplin wie der Zahnmedizin. Durch einen "legistischen Trick", gesteht ein führender Kassenfunktionär, wird nicht der Stand der Medizin geboten - siehe Kronen und Regulierungen.

Selbst einfache Kontrollen in der Ordination sind strukturell rationiert. Denn es gibt punktuell zu wenige Kassenärzte. So erhob die Arbeiterkammer 2001 bei Orthopäden 62 Tage Wartezeit für einen Termin, bei Augenmedizinern 69 Tage. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Da offiziell keiner Gesundheit rationieren will, sollten bestehende Rationierungen offen deklariert und reduziert werden. Wenn das Ganze nicht mehr kosten soll als heute, sollte gleich auch über wissenschaftlich nicht abgesicherte, seit langem von Kassen bezahlte Therapien geredet werden. Und über unnotwendige Operationen zum Auslasten überzähliger Spitalsbetten. Und über Dinge, die weder Therapie noch (kostensenkende) Prävention sind, die es aber trotzdem auf Krankenschein gibt: von In-vitro-Befruchtung bis zu doppelten Röntgenaufnahmen. Ob der Röntgenologe Waneck darüber reden will? (DER STANDARD, Print vom 12.1.2002)

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