Symphonische Verunsicherung

11. Jänner 2002, 22:26
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Dirigent Carlos Kalmar sorgt sich um die NÖ Tonkünstler

Strukturelle Änderungen sorgen beim NÖ Tonkünstlerorchester und seinem Chef Carlos Kalmar für Verunsicherung. Die positiven Folgen der Änderungen, so Kalmar, seien noch nicht gewährleistet.


Wien - Hoffnungsvoll und neugierig im Dunkeln tappen - so könnte man das momentane Motto von Carlos Kalmar beschreiben. Der Chefdirigent des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters, der am Sonntag im Musikverein Besuchern den Nachmittag mit französischen Klängen versüßen wird, sagt das nicht mit diesen Worten. Indes, was er zu jenen Umstrukturierungen feststellt, die sein Orchester seit einiger Zeit und noch immer zu bewältigen hat, lässt die Formulierung als legitim erscheinen.

"Ohne dass ich sage, ich habe Vorbehalte gegen die Änderungen, muss ich auch festhalten, dass ich als künstlerischer Leiter in die Umstrukturierungspläne in keinster Weise einbezogen wurde!" Was ist passiert? Nun, zunächst wurde der Tonkünstlerverein in eine Ges.m.b.H. umgewandelt, was zur Folge hatte, dass die Subvention des Landes von 8,7 Mio. Euro (119,71 Mio. S) auf 2,2 Millionen schrumpfte. Wobei der Restbetrag nun über Kredite aufgebracht wird. Dieses Finanzmodell ist für drei Jahre gesichert. "Was danach ist, wissen wir nicht", sagt Kalmar.

Auch ist, was Kalmar prinzipiell gut findet, die Bindung an das Festspielhaus in St. Pölten geplant und überhaupt eine Annäherung an Niederösterreich. Es ist auch angedacht, das Wiener n.t.o.-Büro zu schließen. Zudem hat das n.t.o. mit Johannes Neubert einen neuen Geschäftsführer. Auf orchestrale Unruhe und Verunsicherung lässt auch schließen, dass der mittlerweile nicht mehr im Amt befindliche Vizepräsident des Orchesters, Gustav Danzinger, öffentlich die Sorge geäußert hat, das n.t.o. könnte im Zuge der Umstrukturierung zu einem Kammerorchester schrumpfen.

Prinzipiell meint Kalmar zu den Finanzen: "Die Tonkünstler werden am untersten Limit bezahlt. Wenn ein Musiker etwas kann, darf man es ihm nicht verübeln, wenn er bei uns anheuert und dann bald wegen eines besseren Angebots weggeht. Wie soll die Lage jedoch besser werden, wenn man womöglich daran denkt, die Gehälter noch runterzusetzen? Das ginge in die verkehrte Richtung, und man will ja eigentlich die Qualität steigern."

In die umfassenden Änderungspläne nicht einbezogen zu werden darf als Affront gewertet werden, dem man schon mit einem Rücktritt begegnen könnte. "In der jetzigen Situation geht man nicht! Es wurde viel Unruhe in das Orchester getragen, die Situation ist unklar. Es gibt einen Neueinstellungsstopp." Die Vermutung, dass man mit der Vorgangsweise auch signalisieren wollte, Kalmars bis 2003 laufender Vertrag werde nicht verlängert, nennt der 1958 in Montevideo (Uruguay) Geborene "falsch".

Seine Schmerzgrenze? "Wenn ich merke, dass meine künstlerische Kompetenz angetastet wird." Das soll nach Geschäftsführer Neubert keinesfalls der Fall sein. Dieser hofft, ab März, wenn er seinen Job antritt, etwas Ruhe ins Orchester bringen zu können. Kurzfristige Konzeptänderungen hält Kalmar auch für "ausgeschlossen" - die Saison 2002/03 sei durchgeplant.

Zweifellos möchte er weiterhin seinen Weg der Qualitätssteigerung und Repertoireerweiterung gehen, der auch ihm persönlich entspricht: "Ich habe kein Kernrepertoire, möchte mich nicht festlegen, aber natürlich hat die Wiener Klassik etwas mit meinem Zentrum zu tun."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 1. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

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