Schlafkrank im Griechenhain

11. Jänner 2002, 23:34
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Grillparzers "Sappho" gefühlig in der Josefstadt: "Ach!?"

Mit Janusz Kicas Inszenierung von Grillparzers selten gespielter "Sappho" entführt das Wiener Josefstadt-Theater in die Niederungen des Kunstgewerbes: Mit undeutlicher Gefühligkeit stellt man einem Phantom nach.

Von Ronald Pohl

Foto: APA/Schlager
Denn die Liebe ist nur ein griechisch herausgeputzer Salontraum: Sappho (Ulli Maier), an die Brust von Liebhaber Phaon (Heiko Raulin) geschmiegt.

Wien - Während Goethe seiner Iphigenie einen spiegelblank gescheuerten Verspanzer überwarf, ein vernunftdurchwirktes Hemd von klassischem Zuschnitt, fertigte Grillparzer für seine Sappho im Jahr 1818 bloß einen gut tragbaren, dauerbelastbaren Gefühlspyjama. Der Wiener Dichter stahl sich vom Weimarer Großfürst zwar die abgewinkelte Gebärde, den verkorksten Mantelwurf, die "Ohs" und "Ahs" des abstrakt angewandten Griechentums.

Auf Lesbos' immergrünen Rasenbänken aber kauern auch schon die gefühlsüberreizten Bürgerinnen des windstill gestellten Vormärz. Es sind Grillparzers Frauen, die an ihren unstillbaren Begierden würgen und wider den Stachel eines deutlich als unzulänglich empfundenen Sittengesetzes störrisch löcken. Derweil streicht noch der würzige Mittelmeerwind mit geschichtlicher Verspätung durch den lispelnden Hain, und alles scheint lind und gut, bis sich Sappho, die erotisch verschmähte, überreife Frau, vom historistischen Wahnfelsen herabstürzt, wie um den ganzen bröckeligen Griechengips gleich mit sich fort in die Tiefe zu reißen.

Danach herrscht wieder Ruhe im hellenischen Tränental. Der spröde Grillparzer war eben nicht nur Kulissenschieber und, wie man nach Besuch des Josefstadt-Theaters mit Sicherheit annehmen muss, ein antikisierender Kunstschläfer. Er war der große, verkannte Revolutionär der historischen Weltsekunde.

Janusz Kicas Sappho-Inszenierung aber friert die Sekunde ein; fasst sie in künstlichen Bernstein; blickt zunächst aus der Vogelperspektive wie fassungslos auf eine schöne, weiße Frau herab, die, am Traumseil hängend, die Wände eines Betonbunkers heruntergeht wie eine örtlich betäubte Stubenfliege (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Dazu wallt ein herbstliches Notturno, und der Boden scheint endlich bereitet für einen Courths-Mahler-Abend.

Nun hat sich Kica des bürgerlichen Vorwurfes, der im Gewand der Griechendichterin kühn versteckt gehalten wird, in einem einzigen Hochschrecken mürb besonnen: Sappho (Ulli Maier) erscheint im wolkenmalerischen Tür- ausschnitt wie eine Marschallin, die den Dichterlorbeerkranz voller Genugtuung um den Zeigefinger dreht wie einen Bund mit Sportautoschlüsseln. Nun müsste Sappho die Höhe ihres Ruhms groß keuchend erklimmen, und zugleich könnte dahinter der Abgrund gähnen, der eine kopflos gewordene Frau magisch anzieht, in die ganz flache Grube einer Mesalliance hinabstürzt. Ruhm macht kopflos, und erst die Kopflosigkeit schafft Tränen.

Sapphos kurz geschorener Liebhaber Phaon (Heiko Raulin) aber, ein halbes Kind noch, ergötzt mit den Manieren eines Wirtshaus-Nachwuchsmusikanten. Die Sklavin Melitta (Silvia Schuh), in die er sich verschaut wie in einen ganz anderen, lichten Abgrund, blickt mit den wässerigen Augen eines Rehs, dem man die Futterkrippe im Pappelwald verstellt hat. Alles döst und atmet keusch, während ringsum eine Art Hauswirtschaftsschule für Vollwaisen emsig rosenblätterregnend betrieben wird.

Mit Alkmene möchte man zu so viel Kunstgewerbe flüstern: "Ach!?" Und die gewiss hochdramatische, als jugendliche Schönheit in der Rolle der alternden Schönheit hoffnungslos fehlbesetzte Ulli Maier vom klappernden Griechen-Kothurn zärtlich herunterpflücken: Ach.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 1. 2002)

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