Wüstenprojekt: "Jugendliche müssen sich bewähren"

11. Jänner 2002, 20:56
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Debatte über künftige Gruppenzusammensetzung und Standord "Wildnis Nordeuropa"

Linz - Trotz der Schuldsprüche gegen vier Jugendliche wegen versuchten Mordes im Zusammenhang mit einem "erlebnispädagogischen" Trip durch die Wüste Sinai wollen die Verantwortlichen diese Art der Projekte auch in Zukunft durchführen. Allerdings nicht mehr in der Wüste Sinai: "Wir werden mit den Jugendlichen in die Wildnis Nordeuropas gehen", kündigte Werner Gerstl, Leiter des sozialpädagogischen Zentrums Spattstraße in Linz, an.

"Es ist gerade für diese Jugendlichen wichtig, dass sie sich einmal in einer gänzlich anderen Umgebung bewähren müssen und auf sich selbst gestellt sind", erläuterte Gerstl. Das sei bei den insgesamt zehn Wüsten-Projekten der Fall gewesen. Man müsse aber überlegen, wie die Auswahl der Jugendlichen für diese Projekte und damit die "Gruppenzusammenstellung" erfolgen soll, fügte Gerstl hinzu.

Die vier Jugendlichen hatten bei dem Wüsten-Projekt im Frühjahr 2001 den Entschluss gefasst, mit der Reisekasse zu flüchten und zuvor die neun Betreuer "auszuschalten". Drei sie begleitende Beduinen wurden von den Jugendlichen mit Steinen attackiert und verletzt. Die Geschworenen sprachen die zwei Mädchen und zwei Burschen am Donnerstagabend wegen versuchten Mordes sowie versuchten Raubes schuldig. Die Jugendlichen erhielten mehrjährige, zum Teil unbedingte Haftstrafen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Sinnhaftigkeit prüfen

Der für Jugendwohlfahrt zuständige Landesrat Josef Ackerl (SP) bremste am Freitag die Euphorie der Sozialpädagogen: "Das Wüsten-Projekt wird es nicht mehr geben, und auch andere Projekte werden geprüft, ob sie fortgesetzt werden." Er habe bereits vor dem Bekanntwerden der Vorfälle den Auftrag zur Prüfung der Sinnhaftigkeit von Projekten "außerhalb unseres Kulturkreises" gegeben, so Ackerl, "die Jugendlichen sollten sich in unseren Breiten bewähren und lernen, hier zurechtzukommen."

Skandinavien ist für Ackerl jedoch denkbar: "Bei den bisher dort durchgeführten Projekten gab es keine Probleme, man hat sich in unserem Kulturkreis bewegt." Man müsse auch fragen, warum man erlebnispädagogische Projekte nicht in Österreich durchführt. Ackerl: "Es gibt auch bei uns Gegenden, wo man tagelang unterwegs sein kann, ohne auf einen Menschen zu stoßen". (APA, Der Standard, Printausgabe, 12.01.02)

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