Menschenrechtsgruppe verurteilt Armee-Einsatz in Bethlehem

11. Jänner 2002, 18:33
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"Offenkundige Missachtung" von Zivilistenleben

Jerusalem - Eine führende israelische Menschenrechtsorganisation hat der Armee vorgeworfen, mindestens 15 Palästinenser getötet und eine "offenkundige Missachtung" von Zivilistenleben gezeigt zu haben. Die Armee teilte am Freitag mit, sie wolle sich erst äußern, wenn sie die Vorwürfe überprüft habe. Diese erschienen in einem Bericht, den das israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, B'Tselem, diese Woche veröffentlichte. Die Soldaten hätten vier Polizisten und elf Zivilisten getötet, als sie vom 19. bis 28. Oktober Bethlehem besetzten, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf Augenzeugen.

Israel war nach dem Anschlag auf den israelischen Tourismusminister Rehavam Zeevi am 17. Oktober in mehrere palästinensisch verwaltete Städte eingerückt. B'Tselem zufolge waren neun der 15 getöteten Palästinenser in Bethlehem unbewaffnet und viele seien außerhalb der Gefechtszonen getötet worden. Ein 16-jähriger Jugendlicher sei auf dem Krippenplatz im Zentrum Bethlehems erschossen worden. Während der Besetzung kam es täglich zu Gefechten zwischen bewaffneten Palästinensern und Soldaten.

Geburtskirche beschossen

Der Bericht berief sich auf einen Armee-Sprecher, demzufolge israelische Truppen strikte Anweisung hätten, erst zu schießen, wenn der Ausgangspunkt des feindlichen Feuers eindeutig identifiziert worden sei. Zudem sei es Soldaten verboten, auf heilige Stätten oder Krankenhäuser zu schießen. Doch B'Tselem zufolge wurde auf die Geburtskirche in Bethlehem sowie auf Krankenhäuser und Wohnungen geschossen, wobei ein erheblicher Sachschaden entstanden sei. Die Armee hatte den Vorwurf, sie habe die Geburtskirche beschossen, zurückgewiesen.

Die Armee habe gegen eines der grundsätzlichen Elemente der Menschenrechte verstoßen, indem sie weder zwischen denjenigen, die an den Kampfhandlungen beteiligt seien, noch denjenigen, die unbeteiligt seien, unterschieden, hieß es in dem Bericht. Ebensowenig hätte sie zwischen militärischen und zivilen Objekten differenziert. "Dies sind keine vereinzelten Vorfälle", hieß es mit Blick auf die 15 dokumentierten Fälle. "Es ist daher offenkundig, dass die Soldaten zwar keine Zivilisten treffen wollten, sie sich aber nicht ernsthaft darum bemüht haben, solche Verletzungen zu vermeiden."

Israel habe zwar das Recht sich gegen palästinensische Angriffe zu verteidigen, hieß es in dem Bericht. Doch die Taten von Palästinensern, die innerhalb der Zivilbevölkerung tätig seien, hätten nicht zur Folge, dass die gesamte Bevölkerung als legitimes Ziel gelten dürfe.

Palästinenser und internationale Menschenrechtsgruppen hatten die israelische Armee wiederholt kritisiert, weil diese eine Untersuchung zum Verhalten der Soldaten vermeide. Seit Beginn des Palästinenser-Aufstandes gegen die israelische Besetzung im September 2000 sind rund 1000 Menschen ums Leben gekommen. (APA/Reuters)

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