Lipobay-Affaire: Sammelklage Geschädigter gegen Bayer angekündigt

11. Jänner 2002, 18:32
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Anwalt Witti will weltweite Klage - Österreich wenig betroffen

München - Dem Pharmakonzern Bayer droht nach dem Lipobay-Skandal eine weitere Klage in den USA. Der Münchener Anwalt Michael Witti kündigte am Freitag an, gegen Bayer in den Vereinigten Staaten eine Sammelklage deutscher Lipobay-Geschädigter einreichen. Bayer hatte den Cholesterin-Senker im vergangenen August vom Markt genommen, nachdem 52 Patienten an Muskelzerfall gestorben waren, fünf davon in Deutschland.

Witti teilte mit, er werde zusammen mit der Chikagoer Kanzlei Moll auf Entschädigung für Geschädigte außerhalb der USA klagen. Es dürfe keine Opfer erster und zweiter Klasse geben. Moll hatte bereits im August Klage im Namen von US-Patienten eingereicht. "Die Ausweitung der Klage führt letztlich zu einem Milliardenanspruch gegen Bayer", erklärte Witti. Wie viele Mandanten er vertritt, teilte Witti nicht mit.

Bayer-Sprecherin Christina Sehnert meinte, bisher strebe Witti eine weltweite Sammelklage nur an. Sie müsse von einem US-Gericht erst einmal angenommen werden. Es scheine fraglich, ob amerikanische Richter über Rechtsbestimmungen in europäischen Ländern bei der Zulassung und dem Umgang mit Medikamenten entscheiden wollten. So sei das erst einmal ein großer Reklamerummel für Witti.

Unterschiedliche Situation in einzelnen Ländern

"Wir haben in Österreich zwei derartige Fälle gehabt. Sie (die gesundheitlichen Probleme, Anm.) waren reversibel", erklärte Freitag Nachmittag Bayer Austria AG-Sprecher Dr. Michael Sturm zu der vom Münchener Rechtsanwalt Michael Witti für mögliche nicht-amerikanische bzw. auch mögliche deutsche Lipobay-Geschädigte vor einem US-Gericht angestrengte Sammelklage, gegenüber der APA.

Unter Fachleuten wird seit dem Bekanntwerden der möglichen Nebenwirkungen angenommen, dass vor allem spezifische Bedingungen in den USA zu den Problemen führten. In den Vereinigten Staaten war Lipobay (Cerivastatin) oft von Beginn der Behandlung an mit der im Vergleich zu Europa mindestens doppelten Dosierung angewendet worden. Hinzu kam, dass das hoch wirksame Medikament auch noch - was beispielsweise in Österreich de facto verboten war - in Kombination mit einem Triglycerid-senkenden Medikament eingenommen wurde. Das war in den USA offenbar möglich, da das zweite Arzneimittel, ein Fibrat, in den USA offenbar rezeptfrei (ohne Verschreibung durch den Arzt) erhältlich war. In Österreich schlossen entsprechende Warnhinweise und die Rezeptpflicht beider Arzneimittel eine Kombination praktisch aus.

Bayer: Deutsches Recht nur für deutsche Bürger

Das medizinische Problem dahinter: Statine, also die potentesten Cholesterin-Senker, zu denen auch Lipobay gehörte, reduzieren den Cholesterinwert im Blut. Gegen ebenfalls für das Herz und die Gefäße gefährliche Triglyceride wirken sie aber wesentlich schwächer. Viele Patienten haben aber sowohl zu viel Cholesterin als auch zu viel Triglyceride im Blut. Das Unternehmen in einer Aussendung: "Bayer glaubt, dass diese 'Forum-Shopping'-Aktivitäten gänzlich verfehlt sind. Lipobay wurde in den einzelnen Ländern in unterschiedlichen Dosierungen, unterschiedlichen Fach- und Gebrauchsinformationen und unter verschiedenen Zulassungs-Auflagen (durch die Behörden, Anm.) verkauft. Deutsche Gerichte und deutsches Recht sollte für Streitigkeiten zwischen deutschen Staatsbürgern und einem deutschen Unternehmen angewendet werden - genau so wie ein französisches Gericht französisches Recht für französische Staatsbürger anwenden sollte, die Lipobay eingenommen haben, das von Bayer-Frankreich verkauft wurde. (...) Dieses Prinzip ist auch durch US-Recht gestützt." (APA/AP)

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