"Schule hat nur sekundär mit Bildung zu tun"

26. August 2003, 18:54
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Schriftsteller Franz Schuh: Man lernt die Vorteile des Ungebildetseins

Standard: Sie arbeiten seit Jahren mit Studenten. Was halten Sie von der Meinung, dass Jugendliche immer weniger gebildet seien?

Schuh: Leute, die solche Sätze sagen, sind immer gleich dumm - vergleichbar mit denen, die, fasziniert von der eigenen Frustration, stets die Sittlichkeit gefährdet sehen.

Standard: Was können Studenten besser, was schlechter als Sie in Ihrer Jugend?

Schuh: Sie können besser mit technischen Geräten umgehen, und das bedeutet auch, dass sie besser verstehen, wie die Welt durch technische Medien hervorgebracht wird. Schlechter sind sie in den Belangen des Bildungskanons. Sie kennen kaum die Namen, die das akademische Namedropping so reizvoll machen. Standard: Gibt es eine Sehnsucht nach einem humanistischen Bildungsideal, wie es vielleicht ein, zwei Generationen vor der jetzigen Jugend verankert war?

Schuh: Das humanistische Bildungsideal war keineswegs in meiner Generation verankert, sondern genau wie heute nur bei Spezialisten, zu denen ich leider zähle.

Standard: Wieso leider?

Schuh: Ich wäre lieber reich.

Standard: Finden Sie, dass das Schulwesen gut funktioniert?

Schuh: Das Schulwesen ist sozusagen eine der Keimzellen des Staates und der Gesellschaft. Da lernen Kinder aufzuhören, Kinder zu sein. Schule hat nur sekundär etwas mit Bildung zu tun. Primär geht es darum, dass man gewiss Wissen, ebenso klassische Bildung, aber auch eine emotionale Prägung gleichzeitig sozial anwendbar macht - man lernt in der Schule die Vorteile des Ungebildetseins beim Sichdurchsetzen kennen, und das in einer mehr oder minder geschützten Situation.

Standard: Schule sollte also nur den Keim legen für spätere Wissensaneignung?

Schuh: Manches wird auch im Keim erstickt. Es gab Schulkollegen, die sich später als Genies erwiesen, obwohl sie die Schulleiter hinabgepurzelt waren: Sie hatten bedauerlicherweise eine unbedingte Leidenschaft für ein einzelnes Fach. Solche Leidenschaften können in der Schule nicht immer entwickelt werden.

Standard: Wenn Sie die Schule neu erfinden könnten, was würden Sie ändern?

Schuh: Ich würde sicher nicht - wie ein Experte im Standard vorgeschlagen hat - die Mathematik für die nicht so Begabten auf Legenden großer Mathematiker reduzieren und dafür Spezialleistungskurse für Interessierte anbieten. Der Schaden wäre zu groß. Das mathematische Denken sollte sich, und sei es gegen den Widerstand der Unbegabtheit, ins Unbewusste einschleichen, damit man für sein Leben wenigstens eine Ahnung davon hat.

Standard: Was halten Sie von der Diskussion über Latein?

Schuh: Mit seiner Klarheit und Grammatik ist Latein möglicherweise das beste Fundament, um Deutsch zu lernen. Es gibt aber ein großes Interesse unter so genannten Bildungspolitikern, alles abzuschaffen, was die eigene Sprache betrifft. An der Sprache hängt nämlich eine Individualitätskultur, die sich schwer mit den gängigen Phrasen überlisten lässt.

Standard: Gibt es genug musisch-kreative Bildung in der Schule?

Schuh: Bildung im Musischen ist nicht von vornherein gut. Sie kann auch eine Zerstörung von anarchischen, spontanen Kräften sein, die dazugehören, um wieder etwas Künstlerisches, also auch für Bildung Interessantes zu produzieren.

Standard: Existieren noch Vorbilder oder ist die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit gesunken?

Schuh: Dass es mit den Idolen zu Ende ist, dient der Aufklärung. Es gibt aber viele Lehrer, die Vorbildwirkung haben. Auch an den Universitäten gibt es motivierende Leitfiguren - Boris Groys oder Peter Sloterdijk beispielsweise.

Standard: Man hat aber das Gefühl, dass die Position des Lehrers viel umstrittener ist als früher.

Schuh: Für keine Zeit gilt etwas anderes als die Krise.

Standard: Es gibt kaum einen anderen Beruf, in dem so viel gejammert wird. Da muss ja etwas passiert sein.

Schuh: Dafür, dass Leute jammern, muss gar nichts passiert sein. Ja, es war einmal eine Zeit, da waren Lehrer sowohl ökonomisch als auch ideologisch außer Streit gestellt. Sie gehörten Wählergruppen an, die über die roten oder schwarzen Lehrergewerkschaften organisierbar waren. Ach, die Gewerkschaften sorgten wie Mütter für sie! Solche idyllischen Perioden sind aber nur Zehntelsekunden im historischen Prozess. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12./13.1.2002)

Franz Schuh, Schriftsteller, Doktor der Philosophie und Lehrender an der Universität für angewandte Kunst, meint, dass das Schulwesen keineswegs in erster Linie für Bildung da ist. Mit ihm sprach Martina Salomon.
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