Weniger Gehirnaktivität beim Autofahren als beim Beifahren

12. Jänner 2002, 14:00
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Weitere Überraschung der Studie: Mit zunehmender Geschwindigkeit nimmt die Aktivität ab

Ulm - Beim Autofahren ist das Gehirn deutlich weniger aktiviert als beim Beifahren - zu diesem überraschenden Ergebnis kamen Wissenschafter der Universität Ulm nach gemeinsamen Versuchen mit einer Arbeitsgruppe von DaimlerChrysler. Den Angaben zufolge hatten zwölf Probanden die Aufgabe, an einem Fahrsimulator einen Rundkurs durch Hamburg so schnell und so unfallfrei wie möglich abzufahren. Dabei wurde mittels modernster Verfahren und verfeinerter Methoden der Bildgebung alles verfolgt, was im Gehirn geschah. Als Kontrollbedingungen dienten die Gehirnaktivität in Ruhe, beim bloßen Bewegen des Steuers und in der Rolle des Beifahrers beim Zuschauen.

Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass das Gehirn beim Fahren weniger aktiviert ist als beim Beifahren, wie das Team um den Psychiater Manfred Spitzer betonte. Eine mögliche Erklärung sahen die Wissenschafter darin, dass sich der Fahrer nur auf eine Sache konzentriere, während der Beifahrer zusätzlich zum Zuschauen noch vieles andere denken und tun könne.

Die neuen Fragen

Die Ulmer Befunde stellen grundlegende Prinzipien der Verkehrspsychologie in Frage. Schließlich sei man bisher davon ausgegangen, dass für das Autofahren eine begrenzte Menge neuronaler Rechenleistungen zur Verfügung stehe, sagte Spitzer. Er frage sich, ob sich diese Theorie aufrechterhalten lasse, wenn das Fahren nicht notwendig mit einer vermehrten Aktivität so genannter kortikaler Bereiche einher gehe.

Verblüffend sind nach Angaben der Experten auch die Ergebnisse der jüngsten Pilotstudie, bei der drei Probanden mit fünf verschiedenen Geschwindigkeiten die gleiche Strecke fahren mussten. Dabei hätte nach bisherigen Vorstellungen die Aktivität wichtiger kortikaler Areale mit zunehmender Geschwindigkeit eigentlich ansteigen müssen - sie habe aber bei zunehmender Geschwindigkeit abgenommen.

Reflexe

Zwar müssen diese Resultate noch durch weitere Studien bestätigt werden, doch Spitzer lieferte bereits jetzt eine erste praktische Interpretation: "Je schneller man fährt, desto weniger sollte man nachdenken. Man sollte vielmehr reflexhaft und automatisch reagieren. Da die vergleichsweise langsamen, im Frontalhirn stattfindenden Denkvorgänge ungeeignet sind für automatisch ablaufende schnelle Prozesse, verlieren sie mit zunehmender Geschwindigkeit immer mehr an Einfluss auf die Informationsvorgänge beim Fahren."

Die Ergebnisse bleiben überraschend, da schließlich schnelles Fahren schwieriger sei als langsames, meinte Spitzer. Doch beim Autofahren mit hoher Geschwindigkeit handle es sich offenbar nicht um ein Problem im üblichen Sinn der kognitiven Psychologie. (APA/AP)

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