Gruppendynamische Zukunft

11. Jänner 2002, 15:19
posten

Amerikas Autobranche sucht nach einer Neuorientierung. Chrysler glaubt schon zu wissen, wie die Zukunft aussieht, die Europäer meinen, mindestens ebenso schlau zu sein. Alles eben Ansichtssache.


Es hat schon Tradition, dass von den großen US-Herstellern Chrysler immer als Erstes in die Krise fährt, sich als Erstes aber auch wieder herausmanövriert. So wie es aussieht, kriegt der Daimler-Partner die Kurve mit aufregenden Autos. Weil Showcars bei Chrysler immer serienverdächtig sind, darf man davon ausgehen, dass die Jeep-Zukunft ein bisserl so aussehen wird wie bei Compass und Willys 2: kantig, dynamisch und ohne Zweifel überragend geländetauglich.

Crossfire? Fertig.

Damit gleich zur den Serienneuheiten. Der Crossfire ist fertig. Es wurde ja gemunkelt, die endgültige Fassung habe viel von der Schärfe des Showcars verloren. Stimmt nicht. Das Gerät, das bei Karmann in Deutschland gebaut wird, sieht immer noch extrem rassig aus. Ende 2003 fährt der Crossfire in Österreich vor - mit 3,2-Liter-V6 (215 PS) von Mercedes.

Besonderes Augenmerk verdient aber der Pacifica, der ein völlig neues Segment begründen soll, das der sportlichen, geländetauglichen Reise-Großraumlimousinen. Eckpunkte: Luxus auch in der zweiten Sitzreihe, voll verglastes Dach, 3,5-Liter-V6, breite Spur, Allradantrieb, Platz für sechs. Man reist also wieder in Gruppe. Der attraktive Sechssitzer kommt aber definitiv nicht nach Europa.

Mercedes mit Fragezeichen

Möglicherweise deshalb, weil er einem ganz ähnlich konzipierten Mercedes nicht in die Quere kommen soll, dem Grand Sports Tourer, kurz: Vision GST. Die im Design nicht restlos geglückte Studie lässt bereits erahnen, was vermutlich ab 2004 auf die Kundschaft zukommen wird: eine Crossover-Limousine für - siehe Pacifica - sechs Personen und mit jeder Menge Luxus und Hightech. Motorisch vorgesehen wäre zunächst einmal der 5,5-Liter-V8 von AMG mit 360 PS.

Maskulines Lifestyle-SUV

Und weil wir schon einmal bei dieser neuen Fahrzeuggattung sind, hier auch gleich der Rest. Volvo ist eher bescheiden und spricht beim bereits marktreifen, sehr maskulin gestylten XC 90 nur vom "ersten SUV aus Schweden", also einem modischen Geländewagen. Das künftige Topmodell der skandinavischen Ford-Tochter bietet drei Motorisierungsvarianten, einen Benziner und drei Diesel mit einem Leistungsspektrum von 163 bis 272 PS sowie Platz für fünf Erwachsene (und zwei Kinder in Reihe drei).

Ein Eyecatcher steht bei der GM-Tochter Saab. Der 9-3X ist ein Showcar, das auf den neuen 9-3er verweist und ähnelt der im Herbst 2001 in Paris gezeigten Studie 9X. Ein Design-und Konzept-Kunststück. Empfehlung: genau so bauen.

Krapfen und Ungetüme

Noch ein Alzerl weiter von der Serie entfernt ist der Magellan von VW. Der nach dem ersten Weltumsegler benannte Wagen, den boshafte Kollegen als "Krapfen" bezeichnet haben, setzt ebenfalls auf diesen neuen Sport-Luxuslimo-Gelände-Van-Mix und soll möglicherweise nur darüber hinwegtrösten, dass auf dem VW-Stand sonst heuer nix Neues zu sehen ist. Wer den neuen Luxuswagen Phaeton auf dem wichtigen US-Markt vermutet hat - Fehlanzeige.

Abgefahren scheint der Zug, wenn Ford seine Energie wirklich in Projekte wie den Mighty F-350 Tonka (Sioux für "Büffel") setzt. Ein anachronistisch gigantisches Pick-up-Teil mit 6,0-Liter-Dieselmaschine, 350 PS und Zwillingsreifen hinten. "Biiiig truck" sagen die Fordler zungenschnalzend dazu. Für das Design zeichnet kein Geringerer als J Mays verantwortlich, der schon den VW New Beetle und den nostalgischen Ford Thunderbird gezeichnet hat. Gegen dieses Ungetüm wirkt selbst der große Range Rover, der in Detroit Weltpremiere feiert, schlank und vernünftig.

Retro ist immer noch

Zu GM: Cadillac wird heuer 100 Jahre alt, setzt sich mit dem "Cien" (spanisch für "100") gleich selbst ein Denkmal und sorgt für einen der Hingucker auf der Show. Wir sagen nur: 750 PS, V12-Zylinder, also "big block".

Dass das Thema Retro noch längst nicht gegessen ist, veranschaulicht Chevrolet mit der Designstudie Bel Air. Der offene Zweisitzer weckt erstens Reminiszenzen an die 50er-Jahre und wäre zweitens direkt gegen den Ford Thunderbird positioniert, wenn er auf den Markt käme.

Hinzu kommen ein paar hübsche, unter der Regie von Altstar Bob Lutz, dem vormaligen Chrysler-Lenker, entstandene Studien. Der Pontiac Solstice bringt zwar nichts grundsätzlich Neues, das Konzept - Roadster und Coupé auf einer Basis - hat man sich beim Audi TT ausgeborgt, das Design bringt aber endlich Emotionen in die GM-Tristesse. (AUTOMOBIL, 11.1.2002)

Share if you care.