Vom Rind zum Schaf zum Menschen?

11. Jänner 2002, 15:05
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Prionenforscher Herbert Budka zu Creutzfeldt-Jakob, BSE und dem "kranken" österreichischen System

Wien - Weitere BSE-Fälle in Österreich befürchtet der Wiener Neurologe und Prionenforscher Univ.-Prof. Dr. Herbert Budka. Als Grund dafür nannte der Wissenschafter im Gespräch, dass das erste an Rinderwahn erkrankte Tier im Waldviertel angeblich ausschließlich mit österreichischen Futtermitteln ernährt wurde.

"Wenn ich höre, dass bei dem ersten österreichischen BSE-Rind nur österreichische Futtermittel verwendet wurden, dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Wenn es tatsächlich so war, dann würde das bedeuten, dass rein österreichische Futtermittel kontaminiert waren - und dann ist mit weiteren Fällen zu rechnen", sagte Budka.

Zur Erklärung: Der erste bestätigte BSE-Fall in Österreich trat im vergangenen Dezember im Waldviertel auf. Vor fast genau einem Jahr gab es einen ersten Verdachtsfall bei einem aus Österreich stammenden Rind. In Baden-Württemberg wies ein Schnelltest bei dem Tier ein positives Ergebnis auf, das sich aber wenige Tage später als Fehlalarm herausstellte.

"Schädlicher Artikel"

Der Prionenforscher ist absolut überzeugt, dass die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) von BSE kommt. Heftige Kritik kam in diesem Zusammenhang an einem Artikel in "British Medical Journal", in dem der Autor George A. Venters gegen einen Zusammenhang zwischen der bovinen spongiformen Encephalopathie und vCJD argumentiert. Er weise etliche Mängel auf. Darüber hinaus halte er den Artikel für "sehr schädlich, weil manche Leute nach dieser Veröffentlichung sagen, 'es ist eh nichts geschehen, und das Geld für die Schutzmaßnahmen ist nur hinausgeworfen'", so Budka.

Drei Gründe für den Zusammenhang

Drei Gründe sprechen laut dem Mediziner für den Zusammenhang zwischen BSE und vCJD: "Erstens handelt es sich um eine neue Krankheitsform", erklärte Budka. Es sei eine andere Altersgruppe betroffen, der Verlauf sei ein anderer, und es gebe eine andere Gewebspathologie. Das Hirngewebsbild sei nirgendwo anders aufgetreten, obwohl zahlreiche Institute danach suchen würden.

Der zweite Grund ist laut Budka die Epidemiologie: Die vCJD trete nur in Großbritannien auf, in dem vor längerer Zeit - und zwar in etwa der vorstellbaren Inkubationszeit für vCJD - die Bevölkerung höchst exponiert mit dem BSE-Agens gewesen sei. In anderen Ländern, wo die Exposition geringer war, gab es mit Ausnahme Frankreichs bisher auch keine Fälle von vCJD.

Drittens wurde in experimentellen Arbeiten Budka zufolge nachgewiesen, dass auf Affen übertragene BSE genauso aussieht wie die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Auch Versuche mit Mäusen lieferten Ergebnisse, die den Zusammenhang zwischen BSE und vCJD bestätigten. Theorie einer spontanen BSE sei durch nichts bewiesen

Im Gegensatz zu diesen weitgehend gesicherten Erkenntnissen ist der Ursprung von BSE "weiter ungeklärt", wie Prionenforscher Herbert Budka sagte. Möglich sei, dass es durch Scrapie-kontaminiertes Tiermehl von Schafen auf Rinder übertragen wurde. Es könne aber auch einen sporadischen oder genetischen BSE-Fall gegeben haben. Budka wies darauf hin, dass die Theorie einer spontanen BSE durch nichts bewiesen sei.

Für Österreich schließt der Prionenforscher eine vCJD-Epidemie aus. Das lokale BSE-Risiko sei gering gewesen. Das große Thema sei nun, die Übertragung von Menschen auf Menschen auszuschließen, "wenn wir davon ausgehen, dass wir die Übertragung vom Tier auf den Menschen im Griff haben", sagte Budka. In diesem Zusammenhang sei etwa auch die Krankenhaussterilisation zu diskutieren. "Ich bin der Meinung, dass hier keine zusätzlichen Maßnahmen notwendig sind, solange kein vCJD-Fall bei uns auftritt." Der eine BSE-Fall in Österreich ändere jedenfalls an der epidemiologischen Situation nichts.

Übergabe vom Rind zum Schaf?

Denkbar, aber bisher ohne Beweis ist die Möglichkeit, dass BSE von Rindern auf Schafe übergehen kann, sagte Budka. Wenn es diese Möglichkeit gibt, wäre sie besonders fatal, denn BSE im Schaf sieht laut dem Experten ähnlich aus wie Scrapie. Besonders beunruhigend sei, dass die auf den Menschen nicht übertragbare Schafskrankheit in ihrer Infektiosität wesentlich ausgebreiteter auftrete als BSE, also praktisch im ganzen Körper auffindbar sei.

Das würde zweierlei bedeuten: Wenn BSE in einem Schaf eine ähnliche Infektiosität wie die Scrapie entwickeln würde, wäre das gesamte Tier als Risikomaterial anzusehen. Außerdem wäre BSE auf Grund des ähnlichen Aussehens wie Scrapie in Schafen "maskiert". Budka: "Scrapie ist sicher eine vorhandene Problematik."

In anderer Hinsicht ist der eine bestätigte BSE-Fall, den Österreich bisher hat, sehr wohl ein Anlass zur Sorge: "Was mir in Zusammenhang mit dem BSE-Fall schon zu denken gibt, ist die Situation auf Grund der offensichtlich mangelhaften Kontrollen. Die essenzielle Frage ist, ob die Entfernung des spezifizierten Risikomaterials lückenlos durchgeführt wird", erklärte Budka. Auch sei es aus seiner Sicht sehr "ärgerlich", dass der Name des betroffenen Bauern in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Wissenschafter führte in diesem Zusammenhang die Schweiz an, in der alle Daten für die Öffentlichkeit anonym gehandhabt würden. Dadurch sei die Zahl der Meldungen von Verdachtsfällen dadurch erheblich gestiegen.

Zu den Ermittlungen gegen Schlachthöfe sagte Budka, er sei "überrascht, dass derartige Dinge in einem so sensiblen Bereich der Lebensmittelproduktion passieren können". Der Experte weiter: "Das Politikerschlagwort vom 'Feinkostladen Österreich' ist in diesem Zusammenhang nur Schall und Rauch." Das System sei "krank, wenn Leute, die kontrollieren müssen, von denen existenziell abhängig sind, die von ihnen überprüft werden müssen". Es gebe einen Überschuss an Tierärzten: "Zeigen sie mir den Veterinär, der noch einen Auftrag bekommt, wenn er einen Bauern oder Schlachthof allzu genau kontrolliert." (APA)

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