Eine Spurensuche nach dem Menschen Merkel

11. Jänner 2002, 14:22
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Evelyn Roll: Das Mädchen und die Macht

Der Titel der Biografie spielt darauf an, dass Angela Merkel jahrelang als Helmut Kohls "Mädchen" galt. Mit seiner Unterstützung gelang es ihr, Karriere zu machen: als Ministerin in seiner Regierung und in seiner Partei. Dass Merkel im Zuge der Spendenaffäre dann Kohl auf dem Parteivorsitz nachfolgte, geschah allerdings gegen den Willen des Langzeitvorsitzenden.

Von dem Versuch, aus dem Schatten Kohls zu treten, handelt Evelyn Rolls Buch. Aber nicht nur: Die leitende Redakteurin der Süddeutschen Zeitung hat sich auf die Spurensuche gemacht, um mehr zu erfahren über die Person Merkels.

Roll ist vor allem zu Merkels Ursprüngen zurückgekehrt, dem Städtchen Templin in der Uckermark, in dem die heutige CDU-Chefin und Anwärterin auf die Kanzlerkandidatur ihre Kindheit verbrachte. Ihre Reise dorthin ist eine glänzend geschriebene Reportage, ein Erfahrungsbericht einer Westdeutschen in der Ex-DDR. Der Leser erfährt auch unpolitische Details wie jenes, dass Merkel in ihrer Jugend nach Einschätzung eines Schulkameraden "schon damals der CDU angehörte: dem Club der Ungeküssten".

Die Autorin leugnet ihre Grundsympathie für Merkel nicht, die es geschafft hat, sich binnen zehn Jahren von einem politischen "No-Name" zur Vorsitzenden einer deutschen Volkspartei hochzuarbeiten. Die ostentative Frauensolidarität wirkt aber manchmal zu dick aufgetragen.

Die zentrale Frage, Merkels Verhältnis zur Macht, beantwortet die Autorin nur unzureichend. Aus dem Zusammenhang lassen sich Rückschlüsse herausfiltern, mehr nicht. Aber den Anspruch, den Menschen Merkel näher zu bringen, löst die Biografie auf lesenswerte Art ein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Alexandra Föderl-Schmid)

Evelyn Roll
Das Mädchen und die Macht

Rowohlt, Berlin 2001, 303 Seiten, 19,90 €
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