Merkel verzichtet auf die Kanzlerkandidatur

11. Jänner 2002, 20:17
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CDU-Vorsitzende lässt CSU-Chef Stoiber den Vortritt

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel lässt dem Chef der Schwesterpartei CSU, Edmund Stoiber, den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur. Ihren Verzicht erklärte Merkel am Freitagnachmittag vor dem CDU-Präsidium und anschließend vor der Presse. Noch vor der Klausurtagung von Präsidium und Vorstand in Magdeburg hatten CDU-Politiker bestätigt, dass es nur noch um eine Sprachregelung zur Wahrung von Merkels Ansehen gehe.

Zunächst soll Merkel vor Beginn der Tagung weiterhin auf dem vereinbarten Vier-Augen-Gespräch mit Stoiber Anfang kommender Woche bestanden haben. Die Parteivorsitzende selbst sagte beim Eintreffen in Magdeburg: "Das Verfahren wird wie abgesprochen durchgeführt." Sie sei sicher, dass von Magdeburg "ein Siegessignal" ausgehe.

Wie zunächst verlautete, hätte das Gespräch Merkels und Stoibers pro forma stattfinden sollen. Dazu kam es aber nicht mehr. Nach einem Frühstück mit Stoiber schlug Merkel der Parteiführung den CSU-Chef selbst vor. Damit demonstrierte sie, dass sie das Heft des Handelns in der Hand hielt.

Auch von CSU-Politikern war versichert worden, dass Merkels Ruf nicht beschädigt werden solle und eine Diskussion über den CDU-Vorsitz verhindert werden müsse. Angesichts der Tatsache, dass sich bis Freitag bereits zehn der 16 CDU-Landesverbände für Stoiber und noch keiner für Merkel ausgesprochen hatten, war noch vor der Tagung in Magdeburg klar, dass Merkel nicht die nötige Unterstützung in den Reihen der CDU für ihre Ambitionen hat.

Thierse entlastet CSU

Zusätzlichen Auftrieb gaben Stoiber-Fans die am Freitag veröffentlichten Werte des Politbarometers. Demnach liegt der bayerische Ministerpräsident nur noch vier Prozentpunkte hinter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Auf die Frage, welchen der beiden Politiker die Befragten am liebsten als Kanzler sähen, nannten 44 Prozent den CSU-Chef, während sich 48 Prozent für den SPD-Chef aussprachen. Merkel kam auf 36 Prozent und lag 20 Prozentpunkte hinter Schröder.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat indes am Freitag die umstrittene frühere Spendenpraxis der CSU nach einer Prüfung durch die Bundestagsverwaltung für rechtens erklärt.


(DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2002)
STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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