Das geschundene Fleisch

15. Jänner 2002, 20:43
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Zur mächtigen Alfred- Hrdlicka- Retrospektive im Palais Harrach

Peter Baum, Direktor der Linzer Neuen Galerie, hat im Palais Harrach eine 200 Exponate mächtige Alfred-Hrdlicka-Retrospektive zusammengestellt. Er wählte aus den Sammlungen von Ernst Hilger, Heinrich Keller, Peter Infeld, Klettenhammer sowie Adrian Riklin & Antonis Stachel.


Wien - Im Vorjahr gab es in Meiningen ein Hrdlicka-Osterfestival: Der Künstler hat für Christine Mielitz Wagners "Ring" ausgestattet, und die Stadt war voll mit Ausstellungen seines grafischen und bildhauerischen Werkes. Zum ersten Mal sah man auch die Sammlung seines Galeristen Ernst Hilger, der jetzt gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum im Palais Harrach die Hrdlicka-Werkschau veranstaltet.

Von den großen Skulpturen sieht man die beiden Boxer, den Liegenden, den Luzifer und ein bisher nie gezeigtes Einzelstück, das Inkarnat, 1964 bis 1966 entstanden. Von den Kleinplastiken sind ziemlich komplett der Schubert- und der Wagner-Zyklus vertreten, in einer repräsentativen Auswahl auch die Pastelle zur Französischen Revolution, zur Märzrevolution 1848 und zu Pasolini.

Foto: APA/KHM
"Alle Kunst kommt vom Fleisch": Alfred Hrdlickas Sicht auf Roms Kaiser Nero und das dramatische Geschehen ringsum. 1995, Kreide, Kohle, Pastell, Rötel

Außerdem ein rezentes Selbstporträt, eine Porträtskizze seiner zweiten Ehefrau Angelina, großformatige Paraphrasen der Männerakte von Géricault, die wieder einmal den Künstler als Meister des Subversiven zeigen - im Fall des französischen Romantikers ironisiert er durch leichte Verzerrungen der Pose das Pathos der Originale. "Alle Kunst kommt vom Fleisch", hat Hrdlicka, gegen die Abstraktion polemisierend, gesagt. Wie Freud erkennt er in der Sexualität den Grundtrieb des Menschen; was ihn außerdem an der Psychologie interessiert, ist die Ausübung und der Missbrauch der Macht, ein Interesse, das sich freilich mehr an Canettis Masse und Macht orientiert.

Der expressive Charakter seines realistischen Vokabulars entsteht aus dem Versuch, extreme Anspannung in bildnerische Form umzusetzen, und aus der Erkenntnis, dass ein Kunstwerk niemals "vollendet" sein kann, im Sinn eines Kanons des Schönen. Sein Blick richtet sich hinter die Fassade der Existenz, dorthin, wo die Körperlichkeit im vollen Einsatz ist: Sexualität und Gewalt.

Die Überwältigung

In seinen Darstellungen des Sexualaktes beschäftigt ihn nicht das Moment der Verführung, sondern die Überwältigung - und die Fetischisierung des Lustobjekts. Die höheren Weihen einer Schau sub auspiciis des KHM (die in der Außenstelle im Harrach einen hohen Preis haben) hat Hrdlicka schon einmal erfahren, als Wilfried Seipel 1994 acht seiner Skulpturen im Foyer und in der Säulenhalle ausstellte. Damals behauptete sich Hrdlicka bravourös gegen den Historismus, gegen Canovas Klassizismus ebenso wie jetzt gegen das barocke Ambiente im Harrach.

Unter den acht Skulpturen befanden sich auch die beiden Boxer. Es sind die vor dem Schlag geballten Fäuste und die aggressive Haltung des Oberkörpers, die sofort das Auge befassen. Damit kommt der Bildhauer, der zeitlebens die "taille directe", das direkte Behauen des Steins, praktiziert hat, der Metapher, der Allegorie zuvor. Eine ganz unklassizistische Individualität herzustellen, einzig das geschundene Fleisch zu zeigen ist sein primäres Interesse.

Sein Werk nur aus einem Impetus gegen die Moderne, gegen die Nachkriegsabstraktion zu verstehen ist ein Missverständnis, das Hrdlicka freilich mit seinen spöttischen Kommentaren in der Art des Zyklus Roll over Mondrian selbst provoziert und fördert. Hrdlickas Polemiken lassen sich nicht einfach mit einer Ablehnung der Moderne gleichsetzen: Abbildung und Erfindung der Wirklichkeit sind ihm ein und derselbe Vorgang - ein Verfahren, immer wieder den Status quo des Menschen zu überprüfen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 1. 2002)

Von
Paul Kruntorad

Ausstellung Alfred Hrdlicka

15. 1. bis 28. 2.
Palais Harrach,
Wien 1.,
Freyung 3.

Webseite des Kunsthistorischen Museums
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