Gassigehen ist etwas für Profis

10. Jänner 2002, 22:12
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Natürlich kann man das Nachbarskind bitten, den Hund "äußerln" zu führen. Aber Menschen, denen das zu wenig professionell ist, lassen lieber einen "Dogwalker" kommen. Man gönnt sich und dem Hund ja sonst nichts.

Wien – Bärbel Weissensteiner hat viel über die Menschen gelernt. Weil sie deren Hunde betreut. Und auch wenn der Satz von Herrl und Hund, die einander ähnlich sind, abgeschmackt ist, kann sich die 35-jährige Wienerin ein Seufzen nicht verkneifen, wenn man sie fragt, was – zum Beispiel – ein Hund, der einen Schnuller am Halsband trägt, über die Rolle des Tieres im Leben seiner Besitzerin aussagt. "Viele Hunde werden nicht artgerecht gehalten", versucht Weissensteiner dann diplomatisch auszuweichen, "die haben jede mögliche Rolle – nur nicht die eines Hundes."

Der Hund ist das Baby-Attachment los

Mehr an Wertung will – kann – sich Weissensteiner nicht erlauben. Schließlich ist sie ein Dienstleistungsbetrieb. Da lebt man nicht davon, Kunden auszurichten. Nur: Der Hund mit dem Schnuller ist mittlerweile das Baby-Attachment los. "Ich hab' dem Frauerl gesagt, dass der Schnuller beim Laufen im Park hängen bleiben könnte."

Bärbel Weissensteiner bewegt Hunde. Sie geht nicht einfach Gassi (das natürlich auch), sondern spazieren. Oder joggen – "wenn der Tierarzt sagt, dass das in Ordnung ist." Oder füttern und streicheln: Denn Weissensteiner betreibt Wiens erste professionelle "Dogwalking"-Agentur (mittlerweile gibt es auch schon Nachahmer).

Die Idee zum Hundebetreuungsdienst kam der ehemaligen Leichtathletin und Physiotherapeutin im Juni. Nach einem Kletterunfall konnte sie viel von dem, was bisher selbstverständlich war, nicht mehr tun – und suchte ein neues Ziel. "Es gibt viele Menschen, die ihre Hunde verhätscheln, aber weder Zeit noch Lust haben, dem Tier die Bewegung zukommen zu lassen, die es braucht." Und zwar regelmäßig. "Natürlich kann auch ein Nachbarskind Gassi gehen – aber für viele unserer Kunden zählen Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Erfahrung im Umgang mit Tieren mehr als die Preisdifferenz."

Nicht ganz billig

Denn billig ist es nicht, den eigenen Hund von handverlesenen Vetmed-Studenten ausführen zu lassen – egal ob zum Joggen, zum Tierarzt oder in den Park: Gassi-Einzeleinheiten beginnen bei 12,35 EURO (170 Schilling) – Dauerkunden bekommen Rabatt.

Die Nachfrage bestätigt Weissensteiner darin, für "Qualität auch einen angemessenen Preis" zu verlangen: "Unsere Dogwalker haben oft die Schlüssel zur Herrschaftsvilla in Döbling."

Probleme, so Weissensteiner, gebe es allerdings immer wieder – wenn auch ganz anders, als von ihr, den Hundebesitzern oder den Spaziergängern jemals vorhergesehen: Mancher mit Spielzeug ("mehr, als viele Kinder haben") und Luxusgütern überhäufte Hund verliebt sich nämlich in seinen "Walker". "Wenn ein Hund nach einem ausgedehnten Waldlauf in ein Haus, wo er schön und ruhig zu sein hat, regelrecht zurückgeschoben werden muss, tut das weh. Aber andererseits: Ohne uns hätte er überhaupt keine artgerechte Bewegung." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Print-Ausgabe 11.1.2001)

VonThomas Rottenberg

LINKwww.dogwalking.at

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