Deutschland: Boom stößt an natürliche Grenzen

10. Jänner 2002, 21:04
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Ein Drittel aller Räder weltweit stehen im Nachbarland - Branche richtet Augen auf das offene Meer

Der weltweite Boom bei der Errichtung neuer Windräder hat sich im Vorjahr fortgesetzt, die installierte Leistung ist um fast ein Drittel auf 23.000 Megawatt (MW) angestiegen. Spitzenreiter ist Deutschland, Österreichs Nachbarland ist für ein Drittel der globalen Windenergie-Erzeugung verantwortlich. Nummer zwei sind die USA mit 4150 Megawatt, gefolgt von Spanien, berichtet die US-Umweltorganisation Earth Policy Institute.

Laut Berechnungen der Experten hätte die im abgelaufenen Jahr aus Wind produzierte Energiemenge gereicht, um den Strombedarf von 23 Millionen Menschen zu decken. Das US-Institut geht gar davon aus, dass Europa bei entsprechenden Investitionen und rechtlichen Rahmenbedingungen, sprich großzügigen Förderungen, den gesamten Energiebedarf über Wind decken könnte.

Zwei Drittel der im Vorjahr zusätzlich generierten Kapazitäten seien dabei auf die drei führenden Windländer entfallen. Gründe für die starken Zuwächse sind die dank stetig wachsender Nachfrage sinkenden Kosten für die Anlagen, gepaart mit einem großzügigen Förderungssystem.

Motor des Erfolgs der Windräder in Deutschland sind die großzügigen Abnahmeverpflichtungen für Windenergie. Die gesetzlich vorgeschriebene Vergütung ist nämlich bis zu dreimal so hoch wie die Gestehungskosten in konventionellen Kraftwerken. Da die Mehrkosten auf alle Stromkunden umgelegt werden, machen sie pro Kilowattstunde nur Bruchteile eines Cents aus. Durch die Förderpolitik hat Deutsch-land die einst führenden Windkraftländer USA und Dänemark weit überflügelt. Allerdings stößt der Boom in Deutschland schon an seine Grenzen: Die Nord- und Ostseeküste und auch die windreichen Landstriche im Binnenland wie das Erzgebirge sind bereits mit Windrädern gespickt. Weniger windreiche Gegenden scheiden für eine Nutzung aus, denn schon etwas geringere Windgeschwindigkeiten führen zu drastischen Ertragseinbußen.

Was dazukommt: Neue Projekte können wegen der Proteste der Bevölkerung gegen Eingriffe in die Landschaft, den Lärm und Schattenwurf der immer größer werdenden Anlagen nur noch schwer umgesetzt werden. Deshalb richten sich die Augen der Windbranche nun in Richtung "offshore" - wie einst die Erdölindustrie -, also aufs offene Meer. Erste Vorzeigprojekte gibt es schon. Vorreiter der Entwicklung ist Skandinavien: Zwei Kilometer vor dem Hafen von Kopenhagen steht der derzeit weltgrößte Offshorepark mit 20 Rotoren mit je zwei Megawatt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 1. 2002)

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    archivbild: crown estates
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