Ein Fädenzieher behält, was er verspricht

14. Jänner 2002, 21:27
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11. Jänner 2002

Vor der alles entscheidenden Woche bietet Österreichs tierfreundlichste Redaktion alles auf, was das Land an pensionsreifen Sportlern hat, um die Österreicher vor Temelín zu bewahren, und nur wenn etwas wirklich Wichtiges geschieht, unterbricht sie ihre Kampagne für einen Tag. Lotto-Jackpot ist geknackt! hieß es am Donnerstag auf Seite 1. Klar, dass da das heiße Bekenntnis "Wir müssen immer an die Kinder denken" mit der Seite 9 vorlieb nehmen musste - die Rolle der Kronen Zeitung bei der FPÖ-Temelin-Unterschriftenaktion wird ja von vielen als Marketingaktion zur Belebung des eigenen Geschäfts erkannt. Allerdings nur selten so klar wie vom ehemaligen Miteigentümer.

Das Blatt und jene Herrschaften, die dort die Fäden ziehen, haben schon einmal sinnloserweise zu einer Art Krieg gegen einen guten Nachbarn aufgerufen, wühlt Kurt Falks "Die ganze Woche" in alten Wunden, die den alten Dichand nicht mehr jucken. Ende 1994, zu Anfang 1995 kampagnisierte die Kronen Zeitung nahezu täglich gegen das slowakische Atomkraftwerk Mochovce. Gemeinsam mit der Umweltorganisation Global 2000 rief man die Kronen Zeitung-Leser auf, sich mit ihrer Unterschrift gegen das AKW Mochovce auszusprechen. Außer einem Tamtam und dem Umstand, daß sich damals 1,2 Millionen Menschen ihre Unterschrift abjagen ließen, kam natürlich nichts dabei heraus. Heute ist Mochovce voll in Betrieb! Für die Kronen Zeitung-Leser allerdings hat sich das anders dargestellt, denn damals verkaufte ihnen ihr Leibblatt die Titelzeile: "Mochovce: Die Wende ist da!!!" Die Herren, die bei der Kronen Zeitung die Fäden ziehen, spekulieren regelmäßig auf die Vergeßlichkeit der Leserschaft.

Die Auflage des Blattes ist seither kontinuierlich gestiegen, und allein darauf kommt es an. Mit seinem catonischen Gebrabbel hätte es der Fädenzieher in der "Krone" nie und nimmer auf Platz 7 im dieswöchigen "NEWS"-Ranking der 1000 wichtigsten Österreicher gebracht, obwohl ihm Christian Konrad - so ein Zufall! - auf Platz 11 schon dicht auf den Fersen ist. Fädenzieher beim "Kurier" und Jägermeister, zeigte er Weitblick bei der Neuordnung der Medienordnung in Österreich, bei der auch die Fellners gut abschnitten.

Kein Wunder, dass seine Popularität daraufhin geradezu explodierte, während es der "Krone"-Prinz mit großem Namen & Medienmacht, Christoph Dichand, nur zum 102. wichtigsten Österreicher brachte. Aber das wird schon. Unerklärlich bleibt, wieso nicht einer der Fellners, und sei es Uschi, unter die 1000 wichtigsten aufsteigen konnte, wo sie doch die absolut topultramegageilen Computerverschenker des Landes sind.

Vielleicht hätte Falk weniger Anlass gehabt, an der Temelín-Kampagne der "Krone" herumzunörgeln, wäre noch Friedrich Dragon dort tätig gewesen. Aber leider: Bibi Dragon, 72, "Krone"-Mann der ersten Stunde, Dichands Alter Ego, Blattmacher, Chefredakteur. Am 16. Juni 2001 wurde er (O-Ton) "wie ein Hund" vom "Krone"-Machtzentrum "gejagt", kündigte das Branchenblatt "Extradienst" ein Exklusivinterview mit dem Alter Ego an. Wie der Fädenzieher da in die alttestamentarische Rolle eines Racheengels schlüpft und einen Mitarbeiter - verschwinde, verschwinde heulend - nach 42 Dienstjahren aus dem Paradies des Kleinformats vertreibt, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Menschlichkeit, deren er sich selbst so gern rühmt.

Der wie ein Hund Vertriebene gibt nach 42 Jahren persönlicher Kenntnis über den "Krone"-Boss zu Protokoll: Und ich weiß heute, dass das Bonmot stimmt, das man über ihn sagt: Er behält, was er verspricht. Aufmerksame Leser haben nicht so lange gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. So wie sie auch, ohne Blattmacher in der "Krone" gewesen zu sein, wissen: Das Anti-Temelín-Volksbegehren ist und bleibt ein FPÖ-Volksbegehren. Das kann man gar nicht mehr anders hinschreiben.

Die Redakteure des Blattes müssen sogar, wie Dragon weiß. In letzter Zeit häufen sich bei mir die Anzeichen, dass Redakteure und Kolumnisten primär für Herrn Dichand schreiben, nicht mehr für den Leser. Was heißt in letzter Zeit? Einige Redakteure wissen ja nicht, was dem Herrn Dichand gerade gefällt und was nicht. Daher übertreiben und überzeichnen manche hemmungslos. Vielleicht versuchen sie auch nur, den Stil des Fädenziehers zu imitieren.

Was Dichands Überzeugung von der Richtigkeit seines Temelín-Kurses betrifft, konnte indes auch sein vormaliges Alter Ego irren. Wäre er nämlich überzeugt, dann ließe er die Summe aller Meinungen nicht zu, dann könnte Nenning nicht schreiben, dass er selbst das Volksbegehren nicht unterschreibt, weil es ihm zu blau ist.

Das wäre inzwischen ja repariert, die "Krone"-Welt ist wieder heil: Wo Dichand von seiner Meinung überzeugt ist, hört sich redaktionelle Meinungsfreiheit auf - auch für Nenning. Schreibt er doch primär für den Herrn Dichand.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. Jänner 2002)

Von Günter Traxler
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