"Abstrakte Kunst" vor Jahrtausenden

11. Jänner 2002, 20:45
6 Postings

Steingravuren stellen Entwicklungstheorien infrage: Offenbar war nicht erst der moderne Mensch zu abstraktem Denken fähig

Kapstadt/Stony Brook - Der Mensch war früher zum abstrakten Denken imstande als angenommen. Diesen Schluss ziehen Wissenschafter aus einem neuen archäologischen Fund, der als "älteste abstrakte Kunst" angesehen wird.

Dabei handelt es sich um ein Stück Ocker, eine Form von Eisenerz, mit einem Strichmuster. Gefunden wurde es 290 Kilometer östlich von Kapstadt, Südafrika, in der Blombos-Höhle als einer von 8000 Steinen, auf denen aber in der Regel keine grafischen Kunstwerke zu erkennen sind.

Die Gravuren setzen kognitive Fähigkeiten voraus, wie sie erst für den modernen Menschen angenommen werden. "Bis jetzt hat man gedacht", sagte Forschungsleiter Christopher Henshilwood von der State University of New York in Stony Brook der BBC, "dass modernes menschliches Verhalten erst vor rund 40.000 Jahren begonnen hat." Die Gravuren werden aber nach Datierung auch des umgebenden Erdreichs mit Unterstützung der National Science Foundation (siehe Webtipp) für 77.000 Jahre alt gehalten. Die ältesten, bisher bekannten abstrakten Darstellungen sind 35.000 Jahre jung.

"Gekritzel"

Indes ist eine Diskussion über die Interpretation des Fundes entbrannt. "Die Bedeutung der Gravur", so Henshilwood, "ist unbekannt, vielleicht wurde sie mit symbolischer Absicht gemacht." Sein Kollege Steve Kuhn von der University of Arizona dagegen hält es für möglich, dass es schlicht "Gekritzel" waren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 1. 2002)

Share if you care.