"Flüchtige Schocktherapie"

10. Jänner 2002, 20:04
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Der Test - vor vielen Jahren - war ebenso ungeplant wie im Ergebnis überzeugend: Acht Journalisten (sechs davon Raucher) umstanden den Tisch einer Kollegin, die gerade jene Doppelseiten im druckfrischen profil aufschlug, die Farbbilder von Raucherschäden zeigten. Grausliche Krebsbilder, vor denen ausdrücklich gewarnt wurde ("Überblättern Sie die Seiten, wenn Sie schwache Nerven haben"). Im ersten Schock zündeten sich alle sechs Raucher eine Zigarette an.

Besser hätte man die wissenschaftlichen Fakten nicht demonstrieren können: Rauchen ist nicht nur eine stoffliche, sondern in großem Maß eine psychische Sucht. Unter Nikotineinfluss entsteht in der Wahrnehmung des Rauchers der Eindruck von Ruhe, Konzentration und besserer Stressbewältigung (unter anderem deshalb ist in den USA trotz aller Restriktion gegen Raucher der Zigarettenkonsum nach den Terroranschlägen deutlich angestiegen). Der Effekt, dass positive Eindrücke die Vernunft mühelos verdrängen, ist nicht den Nikotinsüchtigen vorbehalten. Von der Schokoladensucht bis zur nicht stofflichen Internetsucht reichen die Abhängigkeiten, die bei "vernünftiger" Betrachtung keinen Weiterbestand haben dürften.

Krebsbilder auf Zigarettenschachteln haben die kanadischen Raucherinnen und Raucher ja auch nur "in erhöhte Bereitschaft zum Aufhören" gebracht. Letztlich aber sind solche Schocktherapien ebenso kontraproduktiv wie Rauchverbote. Denn der Schock verflüchtigt sich für den Süchtigen im Rauch der nächsten Zigarette, und Verbote wirken vor allem dort negativ, wo das Rauchen langfristig am leichtesten zu bekämpfen wäre: bei den inzwischen schon zwölfjährigen Einsteigern, die es "cool" finden, Unerlaubtes zu tun. Bis sie süchtig sind und das Heer der Raucher wieder anwachsen lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 1. 2002)

Von Klaus-Peter Schmidt
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