Aufgespürt: Das Schmerz-lass-nach-Gen

10. Jänner 2002, 19:45
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Österreicher entdeckt Genmechanismus zum Abschalten des Schmerzes

Toronto/Wien - Ein Traum der Medizin wird womöglich wahr: das Ausschalten des Schmerzes. Möglich ist dies nun bei Mäusen, denen Forscher ein Gen namens DREAM (downstream regulatory element antagonistic modulator) ausgeschaltet haben. Daraufhin zeigten die Nager dramatisch weniger Schmerzen der unterschiedlichsten Kategorien: nach Nervenverletzung, bei Hitze-oder mechanischer Reizung. "Das gilt mehr oder weniger für alle Schmerzarten", berichtet Studienautor Josef Penninger, Forscher beim Biotechmulti Amgen in Toronto und Direktor des frisch gegründeten IMBA (Institut für Molekulare Biotechnologie der Akademie) in Wien dem STANDARD.

"Ein komplett anderer Zugang als etwa die Morphin-Stimulation", freut sich Koautor Michael Salter, Schmerzforscher der Uni Toronto, über die "aufregende Entwicklung". Gerade für den so genannten neuropathischen Schmerz wie etwa Ischias hätten die Mediziner bisher "keine weithin effektive Behandlung".

Millionen leiden

Besonders für Personen mit chronischen Schmerzen bedeutet das Ergebnis, das heute, Freitag, in Cell veröffentlicht wird, Hoffnung. Allein in Österreich, schätzt Hans-Georg Kress von der heimischen Schmerzgesellschaft, sind "400.000 bis 700.000 Menschen" davon betroffen, in den USA gut 50 Millionen. Geschätzte Kosten wegen Behinderung und Produktivitätsausfall: 100 Milliarden US-Dollar (112,35 Mrd. Euro/1545,97 Mrd. S).

Und so funktioniert der Schmerzmechanismus: DREAM produziert normalerweise ein Eiweiß zur Unterdrückung der Ausschüttung von Dynorphin - eines der drei körpereigenen Opioide, mit dem der Organismus auf Schmerz reagiert. Ist die DREAM-Produktion unterdrückt, spüren wir Schmerz (so vorhanden). Schaltet man aber DREAM aus wie bei den Mäusen, erhöht dies die Opioid-Ausschüttung und stoppt so den Schmerz. Nicht irgendwo, sondern offenbar dort im Rückenmark, wo wichtige Schmerzimpulse laufen.

Dasselbe Signal, das den Schmerz ans Gehirn meldet, stimuliert DREAM, die Opioidausschüttung freizugeben. "Es ist fantastisch zu wissen", sagt Penninger, "wie diese simple Schmerzrückkoppelung funktioniert."

Damit hat Penninger, für Science einer der Top-Ten-Wissenschafter der Welt, wieder seinen Riecher bewiesen. Denn eigentlich wollten er und seine Studentin Hai Ying Cheng mit den DREAM-losen Mäusen anderes. Diese zeigten trotz Genmutation normale Organfunktionen. "Ein Jahr lang tat sich nichts", erzählt Penninger. Wegen eines Genkonnex mit Alzheimer schickte er die Tiere zu Verhaltenstests. Da fand man das geringere Schmerzempfinden.

Wie schätzt er, der schon Gene für Zelltod und Osteoporose aufgespürt hat, den Fund ein? "Ich dachte", sagt der Arzt, schürzt die Lippen und nickt ganz leicht, als müsste die Befriedigung vom Kopf in den Körper rieseln, "ich dachte, dass unsere Knochenarbeiten von nichts mehr übertroffen werden können puncto Gesundheitsrelevanz, aber DREAM könnte es sein." Nachsatz: "Es wird nicht so einfach sein, ein Medikament zum Abschalten zu machen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 1. 2002)

Von Roland Schönbauer
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