Die Nackten und die Roten

10. Jänner 2002, 19:02
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Brachial lustig: Gustav Ernsts "Strip - Eine Farce" im Theater Gruppe 80

Von Ronald Pohl

Wien - Im Idealfall ist die Kritik an den herrschenden Verhältnissen für den, der sie lustvoll übt, zugleich eine Lockerungsübung. Als nämlich die Studentenbewegten in den 60er-Jahren unter den Talaren den Muff von tausend Jahren aufspürten, Straßenkrawall schlugen und sich daraufhin mit dem Phlegma kritischer Weinbergschnecken auf den langen Kriechmarsch durch die Institutionen begaben, konservierten sie ein schönes, vormals nicht gekanntes Körperhochgefühl. Von dessen letzten Ausläufern ernährt sich auch Gustav Ernsts brachialer Sketch Strip, den das Theater Gruppe 80 jetzt als regierungskritischen Hüttenabend zur Uraufführung gebracht hat.

Vergessen schien vor rund 30 Jahren mit einem Schlag, dass Adorno und Marcuse, Habermas und Negt kaum jemals als sexy zu bezeichnen waren. Dass die Frankfurter Professoren und ihre kraushaarigen Adepten hinter den schützenden Kassenbrillen weiterhin die schamlose Entblößung des Körpers unter eine Art Generalverdacht stellten: Der schöne, nackte Leib war die obszöne Konsumware, die den Proletariern das Elend im heimischen Ehebett drastisch vor Augen führte. Dann war Sex wieder schön, obwohl er den Ausbeutern als Verkaufsargument diente. Wiederum später bewies man gegenüber der Allgegenwärtigkeit des Nackten nur noch stoische Abgebrühtheit: eine selige Erschlaffung aller Kritikmuskel.

Denn mit jedem neuerlichen Umschlag der Verhältnisse geraten natürlich auch die kritischen Geister ins Schleudern. Gustav Ernst zum Beispiel lässt ein Triumvirat zeitgenössischer Autoren, schön sozialpartnerschaftlich aufgeteilt in "Dramatiker", "Lyriker" und "Prosaist" (eine Hosenrolle!), am Fett der Anonymität hart würgen. Keinen Hund locken sie mit der Ankündigung einer Gruppenlesung hinter der Satellitenschüssel hervor.

Der Lyriker (Robert Vollmer), ein übergroßes Kind im flauschweichen Pullover, presst die Klarsichthülle mit den gestammelten Werken an sich wie ein frisch geworfenes Rehkitz. Man erörtert wortreich und mit viel "Scheißdreck" die fatale Geschäftslage der schönen Literatur. Also beschließen sie, dem Beispiel eines erfolgreichen Popliteraten zu folgen (mit "Kirre-Sternberg" ist wohl Stuckrad-Barre gemeint) und einen gepflegten Gruppen-Striptease auf die Bretter des ehrwürdigen "Literaturhauses" zu legen. "Der Körper ist der Kopf des Gedichts", heißt es, oder: Der Körper sei "brachliegendes Kapital". Marx, ein sexuell bekanntlich umtriebiger Praktiker, hätte es nicht schöner formulieren können.

Was folgt, sind Ballettübungen: lustig gemeintes, sozialdemokratisches Gehirn-Aerobic, wobei der famose Karl Wozek als hereingeschneiter Bilderbuchproletarier sozusagen für eine letzte Lockerung sorgt. Erhard Pauer hat in einer Ausstattung von Andrea Költringer und Walter Vogelweider inszeniert: die Simpl-Revue für den kolik-Leser.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 1. 2002)

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