Getarnte Chevaliers und Stromritter ohne Visier

10. Jänner 2002, 20:29
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EdF und E.ON lauern auf Chancen bei der Neuverteilung der Karten in Österreichs E-Wirtschaft

Clemens Rosenkranz

Wien - Die Karten in der heimischen Strombranche werden in den nächsten Monaten noch einmal völlig neu gemischt werden. Die Blicke der ausländischen Stromriesen werden immer begehrlicher. Erstes Indiz dafür war der Einstieg der Energie Baden Württemberg (EnBW) bei der niederösterreichischen EVN.

Die Schwaben, hinter denen der französische Atomstromriese Eléctricité de France (EdF) steht, halten seit der Vorwoche mehr als fünf Prozent an der EVN. Schon im Vorjahr hat die EnBW mehr als sechs Prozent des Verbunds erworben. Bei der Verbundgesellschaft haben EVN, Wiener Stadtwerke und Tirols Tiwag mit 27 Prozent schon jetzt ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
Hauptgrund für den jüngsten Coup der Schwaben: Der deutsche Versorger - und damit die EdF - will sich für jenen Tag wappnen, an dem die Sperrminorität bei der EVN frei wird. Dieser ist Ende Dezember, wenn Verbund, Energie AG Oberösterreich und die steirische Energieholding offiziell abtreten. Im Hintergrund ist nahezu alles schon ausgemacht: Der Verbund hat sein EVN-Paket - über 14 Prozent - bereits bei der BayernFinanz, einer Tochter der Bayrischen Landesbank, geparkt. Zur Übertragung an die E.ON ist es nur noch ein Katzensprung. Es wäre daher mehr als verwunderlich, wenn die E.ON nicht zugreifen würde. Frühester Termin: 1. Jänner 2003.
Die Estag wird sich ebenfalls von ihren 6,4 Prozent trennen. Bei dieser Transaktion hat die EdF, die sich beim Landesversorger eingekauft hat, wohl das letzte Sagen. Einem Kaufbegehren aus Paris kann sich der Grazer Vorstand schwerlich verweigern.

So wird der Kampf um die Kontrolle in der heimischen E-Wirtschaft wohl zu einem deutsch-französischen Duell: EdF und E.ON haben ihre Claims bereits abgesteckt. Anfang nächsten Jahres könnte sich das Beteiligungswirrwarr folgendermaßen darstellen: Die EdF hält direkt und indirekt deutlich mehr als zwölf Prozent an der EVN, die E.ON gute 14 Prozent. Schreckgespenst für die Niederösterreicher ist eine französisch-deutsche Achse. Schließen EdF und E.ON einen Nichtangriffspakt, würde dies dem Vorstand in Maria Enzersdorf zumindest Kopfzerbrechen bereiten, auch wenn die Position des Hauptaktionärs rechtlich gut abgesichert ist.

Daneben gibt es noch zwei Player, RWE und Raiffeisen Oberösterreich. Der deutsche Atomstromriese hat bei Kärntens Landesgesellschaft Kelag die Hosen an, Raiffeisen Oberösterreich hat sich die Kontrolle über die EAG-Anteile an EVN gesichert. Ein Verkauf an E.ON wäre ein Leichtes: Oberösterreicher und Bayern machen in Tschechien gemeinsame Sache. (Der Standard, Printausgabe, 11.01.02)

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