Berchtold: "Männer- politik nützt der Frauenpolitik"

10. Jänner 2002, 19:49
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Der Leiter der Männerabteilung über sein positives Männerbild

Nun ist fast ein Jahr seit der Bildung der Männerabteilung im Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen vergangen. Wie sich die Abteilung VI/6 nun entwickelt hat und welche Zusammenarbeit es mit Männerberatungsstellen gibt, wollten sich die MitarbeiterInnen der Sendung "Gegensprechanlage" bei Radio Orange genauer anschauen. Dazu interviewten sie den Leiter der Männerabteilung, Johannes Berchtold, sowie Dieter Schmoll, Mitarbeiter der Männerberatungsstelle Wien. Wie weit das Männerbild Berchtolds von der erlebten Realität in der Männerberatungsstelle entfernt ist, haben die InterviewerInnen Sybille Reidl und Rainer Hauswirth in ihrer halbstündigen Sendung "Gegensprechanlage" spannend dargelegt.

"Dialektisches Verhältnis"

Berchtold ist überzeugt, dass sich Männer mehr mit ihrer geschlechtsspezifischen Identität auseinandersetzen müssen. "Das Geschlechterverhältnis ist ein dialektisches Verhältnis: Wenn ich eine Seite verändere, ändert sich die andere mit." Daher plädiert Berchtold für eine Einbeziehung der Männer in den Geschlechterdiskurs. Er weigert sich von "Geschlechterkampf" zu sprechen, denn die Geschlechter seien zueinander vielmehr eine Ergänzung, nicht eine Konkurrenz. Dasselbe gelte für die damit verbundene Politik: "Männerpolitik nützt eigentlich der Frauenpolitik, da sie einen Vorschub leistet für den Fortschritt."

"Parteilich mit Männern arbeiten"

Während die Männerateilung sich als Forschungsabteilung sieht, versteht sich die Männerberatungsstelle zunächst als Anlaufstelle für Männer, die ihr Leben verändern wollen oder müssen. Dieter Schmoll: "Wir arbeiten parteilich mit den Männern, d.h. aber nicht, schädigende Strategien zu unterstützen." So sieht Schmoll beispielsweise im neuen Obsorgegesetz neben positiven Aspekten durchaus auch Gefahren ("Es gibt die Gefahr eines Tauschhandels"), während Berchtold keine Gefahr eines Missbrauchs des Gesetztes orten kann.

Positives versus gewalttätiges Männerbild

Zum Thema Gewalt haben die beiden Interviewten ebenfalls unterschiedliche Anschauungen. So sind für Schmoll Hauptkriterien männlicher Gewalt die patriarchalen Muster in unserer Gesellschaft. Wären die Rechte zwischen den Geschlechtern ausgewogener, käme es auch nicht mehr zu so viel Gewalt, ist er auch aufgrund zahlreicher Forschungsarbeiten zu diesem Thema überzeugt. Obwohl es im Gewaltbereich viel zu erforschen gäbe und die Männerabteilung sich ja als Forschungsabteilung versteht, gibt es bislang von dieser Seite kaum etwas dazu. "Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass die Männerabteilung an diesem Thema interessiert wäre. Sie interessiert sich vielmehr für ein positives Männerbild und da passt der gewalttätige Mann nicht so recht rein," mutmaßt Männerberater Schmoll.

"Männer als Gewaltopfer"

Berchtold setzte dem entgegen, dass es bereits die Initiative "Plattform gegen Gewalt "In der Familiensektion gebe, die in diesem Bereich arbeite. "Da wollte ich mich nicht einmischen," so der Chef der Männerabteilung. Ihn würde im Bereich Gewaltforschung vor allem das Thema "Männer als Gewaltopfer" interessieren. Er bemängelt im Interview, dass dieses Thema kaum bearbeitet sei und dies dazu führe, dass Männer sich nicht dazu artikulieren könnten.

Die "Gegensprechanlage", die jeweils mittwochs um 19.30 Uhr auf Radio Orange ausgestrahlt wird, will sozialwissenschaftliche Themen für Nicht-ExpertInnen aufbereiten und kritisch hinterfragen. Für die Sendung "Imagining Austria – Imaginiertes Österreich" erhielten sie bereits den 4. Radiopreis der Erwachsenenbildung für Hörfunkssendungen des Jahres 2001 "Eduard Ploier". (aus)

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