Wiener Experten nehmen Kieferknochen- Defekte ins Visier

10. Jänner 2002, 15:11
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Ludwig-Boltzmann-Institut für orale Implantologie gegründet

Wien - Die Orthopäden und Chirurgen haben fast nie zu wenig Knochenmaterial vor sich, an denen sie ihre Eingriffe vornehmen. Ganz im Gegensatz dazu die Zahnärzte: Wo ein "echter" länger fehlt, haben sie oft größte Schwierigkeiten neue "Kunst-Zähne" zu implantieren. An der Wiener Universitäts-Zahnklinik bzw. am nunmehr angeschlossenen Ludwig Boltzmann Institut für orale Implantologie werden neueste Strategien erprobt.

Für die Studien über die Verwendung von Blutplättchen des Patienten zur Herstellung und Anwendung von Konzentraten des "Platelet Derived Growth Factor" bei der Implantation von künstlichen Zähnen erhielt Univ.-Ass. DDr. Werner Zechner von der Wiener Klinik im vergangenen Jahr die Auszeichnung der Europäischen Gesellschaft für Implantologie für die beste wissenschaftliche Präsentation.

Der Clou

Patienten soll vor dem zahnchirurgischen Eingriff Blut aus einer Vene entnommen werden. Daraus wird ein Konzentrat von Wachstumsfaktoren gewonnen, das gleichzeitig mit der Implantation lokal im Kiefer eingesetzt wird. Vorläufige Ergebnisse: Die Dichte der Bindungsstellen zwischen Metall und Kiefer verbesserte sich kurzfristig im Vergleich zu nicht derart behandelten Operationsstellen um 50 Prozent. Eine schnellere Fixierung und Ausheilung bei weniger Komplikationsrisiken sollte das Ergebnis sein.

Mit dem Herbert Czitober-Preis des Jahres 2001 der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Knochens und des Mineralstoffwechsels wurde Dr. R. Gruber von der Wiener Universitäts-Zahnklinik ausgezeichnet.

Er konnte im Labor nachweisen, dass unter den Dutzenden natürlichen Knochen-Wachstumsfaktoren CDMP-1, CDMP-2 und BMP-7 eine Stimulierung der Entstehung von neuen Knochenzellen bewirken dürften. Am stärksten wirksam ist offenbar das so genannte "Bone morphogenic protein 7". Es befindet sich derzeit bereits in Zulassung als Therapeutikum bei der US-Arzneimittelbehörde FDA.

Stammzellen

Stammzellen für das Knochenwachstum: Vorläuferzellen, aus denen bei bestimmten Reizen neues Knochenmaterial entstehen kann, finden sich bei Erwachsenen sowohl im Knochenmark als auch in der Beinhaut (Periost). Jetzt geht es den Wissenschaftern auch darum, jene natürlichen Botenstoffe bzw. Botenstoff-Cocktails zu identifizieren, die als Behandlung zur Anregung des Knochenwachstums geeignet sind. Je nach "Milieu" können die Stammzellen nämlich unterschiedliche Entwicklungen nehmen.

Identifizierung, Gewinnung aus per Punktion der Beinhaut stammendem Gewebematerial und die Vermehrung solcher Stammzellen im Labor sind in diesem Zusammenhang weitere Herausforderungen. Doch dieses "positive Wildern" der Zahnklinik-Experten im Bereich der Osteologie (Knochenforschung) könnte auch Auswirkungen auf viele andere medizinische Sparten haben, so zum Beispiel auch auf die Orthopädie und die Unfallchirurgie. (APA)

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