China vervierfacht angeblich Zahl seiner Atomraketen

10. Jänner 2002, 16:07
posten

Peking spricht von unbegründeten Spekulationen

Washington/Peking - Die Volksrepublik China will nach Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA die Zahl ihrer auf die USA zielenden Atomraketen bis 2015 vervierfachen. In einem CIA-Bericht, der am Mittwoch bekannt wurde, sind Analysen mehrerer amerikanischer Geheimdienste zusammengefasst. Die chinesische Regierung wies die Studie am Donnerstag als "haltlose Spekulation" zurück. Der Sprecher des Pekinger Außenministeriums, Sun Yuxi, sagte, China werde seine nationale Verteidigung "in Übereinstimmung mit seinen Bedürfnisse" ausbauen.

Nach dem Bericht entwickelt die Volksrepublik China derzeit drei neue Raketensysteme, die bis 2010 einsatzfähig sein sollen. Neben dem Ausbau des Arsenals an Kurzstreckenwaffen seien die Chinesen auch dabei, sogenannte MIRV-Trägerraketen einzuführen. Diese ermöglichen es, eine Rakete mit mehreren, auf unterschiedliche Ziele ausgerichtete Sprengköpfen zu bestücken. Immer mehr setzten die Chinesen auch auf mobile Abschussrampen. Laut dem CIA-Bericht werden auch der Iran und Nordkorea bis 2015 über Langstreckenraketen verfügen. Die US-Regierung hatte ähnliche Berichte zum Anlass genommen, ihre nationale Raketenabwehr zu entwickeln.

Chinas Spitzenmilitärs sehen nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste die USA wegen ihrer erstarkenden Präsenz in Asien derzeit als den "Hauptfeind" an. Pekings Asien-Politik ziele auf eine Schwächung der amerikanisch-japanischen Allianz und auf die Erzeugung von Spannungen zwischen dem Westen und Russland ab, analysierte die Fachzeitschrift "International Security Review". Peking habe eine erkennbar expansive Politik in Richtung Pazifik eingeleitet, was die südostasiatischen Staaten wie die Philippinen, Indonesien und Vietnam zu spüren bekämen. Der Streit um die Abgrenzung der Territorialgewässer und die Nutzungsrechte der maritimen Bodenschätze hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschärft.

In den USA sieht man den "Hauptfeind", weil sie die dominierende Wirtschaftsmacht der Welt sind und Entwicklungen (u.a. "humanitäre Interventionen") fördern, die als gegen die Interessen Chinas gerichtet empfunden werden. Einblicke in Gedankengänge der chinesischen Militärführung hatte ein Buch mit dem Titel "Kann China den nächsten Krieg gewinnen?" geboten, das schon kurz nach seinem Erscheinen aus dem Buchhandel verschwand. Demnach steht der chinesische Generalstab auf dem Standpunkt, dass regionale Konflikte immer härter würden. Chinas Armee müsse sich auf "regional begrenzte Kriege mit modernsten technischen Mitteln" vorbereiten. Als "Hauptgegner" wurden in dem Buch in jeweils eigenen Kapiteln die USA, Russland, Japan, Indien und Vietnam genannt, direkte militärische Konfrontationen mit den Großmächten aber ausgeschlossen. Vorstellbar bleiben nach Beurteilung des chinesischen Generalstabes "Optionen" gegen Taiwan und Vietnam.

Peking: USA soll Atomtestverbot ratifizieren

Das chinesische Außenministerium forderte die USA auf, das Abkommen über ein völliges Verbot von Atomversuchen zu ratifizieren. "Wir hoffen, dass sich alle Länder strikt an das Abkommen über das umfassende Atomtestverbot halten und es so schnell wie möglich unterzeichnen und ratifizieren", sagte Außenamtssprecher Sun Yuxi am Donnerstag in Peking.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte kürzlich zwar erklärt, die USA würden sich weiter an das 1992 verkündete Testmoratorium halten. Er ließ aber die Möglichkeit offen, dass die USA in der Zukunft auf die Tests wieder zurückkommen könnten. Der amerikanische Kongress hatte 1999 beschlossen, das Teststoppabkommen nicht zu ratifizieren. Die Volksrepublik China hat den Vertrag unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert. (APA/AP)

Share if you care.