Michelle Bachelet - Chiles neue Verteidigungsministerin

20. Jänner 2002, 20:46
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Sie ist nicht nur die erste Frau, die in Chile - und überhaupt in einem lateinamerikanischen Staat - Verteidigungsministerin wird. Michelle Bachelet Jeria ist auch die erste Sozialistin, die seit dem chilenischen Militärputsch von 1973 dieses Amt bekleidet. Damals ist Orlando Letelier aus dem Ministerium vertrieben und drei Jahre später vom chilenischen Geheimdienst im Washingtoner Exil ermordet worden. Jetzt hat Präsident Ricardo Lagos, der einer Mitte-links-Koalition vorsteht, die Tochter eines anderen Opfers der Diktatur an die Spitze des Verteidigungsministeriums gesetzt.

Die finstere Seite der chilenischen Streitkräfte hat Michelle Bachelet mit 21 Jahren auch persönlich kennen lernen müssen. Damals, 1974, ist ihr Vater, General Alberto Bachelet, wegen seiner Treue zum gestürzten Präsidenten Salvador Allende in den Kerkern der Diktatur zu Tode gekommen - gefoltert von seinen Kameraden, die das Regime von Augusto Pinochet trugen.

Ganz anders hatte die heute 50-Jährige die Umgangsformen in Kasernen und Kasinos bis dahin erlebt, war sie doch in Chiles besseren bewaffneten Kreisen aufgewachsen: "Schon als ich in der Wiege lag, habe ich alle Verhaltenscodes der Militärs kennen gelernt", sagte Bachelet anlässlich ihrer Vereidigung.

Dieser biografischen Rechtfertigung für ihre Fachkompetenz hätte es gar nicht bedurft: Bachelet belegte als Stipendiatin am Interamerikanischen College für Verteidigung in Washington D.C. die Fächer Strategie und Territorialverteidigung. Schon unter drei Verteidigungsministern hat sie sich in Santiago de Chile als Beraterin mit Militärfragen befasst. Zuletzt saß sie der Kommission vor, die für Ricardo Lagos das Regierungsprogramm in diesem Bereich formuliert hat.

Dabei kennt sich Michelle Bachelet auch in anderen Disziplinen gut aus: Die Mutter von drei Kindern ist studierte Chirurgin und Kinderärztin. Bis zur Regierungsumbildung in dieser Woche war sie Gesundheitsministerin und galt in diesem Amt als recht erfolgreiche Reformerin.

Die ganz großen Veränderungen im Apparat des chilenischen Militärs muss sie allerdings nicht mehr vornehmen. Nach dem 500-tägigen Londoner Hausarrest von Pinochet im Jahr 1999 und den nach seiner Rückkehr eingeleiteten Gerichtsverfahren in Chile war die Macht der Militärs in den Köpfen der Menschen gebrochen. Die Mitte-links-Regierung konnte sich also an den behutsamen Umbau von Heer, Luftwaffe, Marine und Polizei machen. Der Generationswechsel innerhalb dieser "faktischen Mächte" begünstigte das Projekt, das auch mit einer breiteren Vergangenheitsbewältigung in Chile einherging.

Die Berufung Bachelets gilt vielen nun als endgültige Geste der Versöhnung. (DER STANDARD, Print vom 10.1.2002)

Von Jörg Wojahn
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