von Clarissa Stadler
Dreikönigsdepression

17. Jänner 2002, 16:12
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Mehrmals versuche ich C. zu erreichen. Ohne Erfolg. C. hat sich verbarrikadiert und pflegt seine Dreikönigsdepression.

Eine Malaise mit Tradition, denn um diese Zeit im Jahr merkt C. für gewöhnlich, wie sehr ihm sein Leben stinkt. C. ist dann auch nicht mit billigen Vergnügungen aus seinem Seelenexil zu locken, sondern feiert sich als Ehrengast auf den selbst inszenierten Festspielen der Traurigkeit. Festspiele mit Niveau, durchaus. "Wozu soll ich mir den neuen David Lynch-Film im Kino anschauen? Bruckners Dritte ist mir Nervenkitzel genug. Warum soll ich mit hunderten Leuten eingepfercht im Kino sitzen, wenn Sergiu Celibidache für mich allein in meinem Wohnzimmer dirigiert?" Es ist auch die Zeit, da C. merkt, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort ins falsche Leben geworfen wurde (und dass er geworfen wurde, daran besteht für C. kein Zweifel, welcher Innenarchitekt würde sich ein so lausiges Lebensinterieur entwerfen?).

"Ich lebe in einem Computerspiel, in dem Menschen die Spielregeln festsetzen, mit denen ich nicht mal auf ein Bier gehen würde. Ich lebe in einem Land, in dessen Medienlandschaft sich Berlusconi wie ein Anfänger ausnimmt, und in einer Stadt, in der sich Menschen, wenn sie einander mittags auf der Toilette begegnen ,Mahlzeit' wünschen. Ach!"

In solchen Zeiten besinnt sich C. gerne auf die alten Werte und sperrt das Leben für eine Zeit lang aus. In seinem Salon brennt dann bis tief in die Nacht das Kaminfeuer. Wenn C. mit Bruckner fertig ist und die Zeit reif für ein wenig leichte Unterhaltung hält, wechselt er ins Country-Fach. "Hank Williams", schwärmt er dann, "der wusste noch zu leben. Weißt du, wie er gestorben ist? Auf dem Rücksitz seines Cadillac eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht." "Beneidenswert!", sage ich zu C.

derStandard/rondo/11/1/02

Von
Clarissa Stadler

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