Vor Generationswechsel an der Spitze der chinesischen Regierung

10. Jänner 2002, 18:33
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Vizepremier Wen Jiabao soll Premier werden

Peking - Schon ein Jahr vor Ablauf der Amtszeit von Chinas Regierungschef Zhu Rongji steht sein Nachfolger fest: Der 59-jährige Vizepremier Wen Jiabao soll aufrücken und künftiger Ministerpräsident werden, berichteten informierte Kreise aus Wens Umfeld am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Peking. "Die Entscheidung ist gefallen", hieß es. Verwiesen wurde auf die besonderen Fachkenntnisse von Wen Jiabao bei der Reform des chinesischen Bankwesens, der Finanzmärkte und dem Umbau im Finanzministerium.

Als rechte Hand Zhus gilt das Politbüromitglied auch als Wunschkandidat des charismatischen Regierungschefs, der auf der Plenartagung des Nationalen Volkskongresses im März 2003 mit dann 74 Jahren wegen seines Alters abtreten wird. "Er ist Zhu Rongji's Mann." Der zurückhaltende, charmante Wen Jiabao muss als politischer Überlebenskünstler gelten, da er in den 80er Jahren den Sturz von gleich zwei seiner Mentoren nacheinander - die Parteichefs Hu Yaobang und Zhao Ziyang - überlebt hat.

Moderate Linie

Bei der Demokratiebewegung 1989 setzte sich Wen Jiabao wie Zhao Ziyang für eine moderate Linie ein, wurde aber mit dessen Sturz aus dem Entscheidungszirkel manövriert. So wird ihm keine direkte Verantwortung angelastet. Nach dem Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens vom 4. Juni 1989 diente Wen dem neu berufenen Parteichef Jiang Zemin. 1995 führte er die Arbeitsgruppe, die den bis 2000 laufenden Fünf-Jahr-Plan entwarf.

Im März 1998 als jüngster Vizepremier in das Regierungspräsidium berufen, übernahm Wen Jiabao als Krisenmanager das Hauptquartier zur Hochwasserbekämpfung und leitete die Rettungsarbeiten nach den verheerenden Sommerfluten. "Er hat durch seine Rolle damals an Gesicht gewonnen", sagte ein Diplomat.

Verwaltungstalent

Dem 1942 in Tianjin (Tientsin) geborenen Wen eilt nicht nur der Ruf voraus, schwierigen Aufgaben nicht abgeneigt zu sein, sondern gilt auch als Verwaltungstalent, das Koalitionen schmieden kann. 1998 leitete er die neue Arbeitsgruppe des Zentralkomitees der KP zur Finanzreform. Zu den Fachgebieten des studierten Geologen gehören aber auch Landwirtschaft, Armutsbekämpfung sowie Umweltthemen wie Wasserressourcen und Waldwirtschaft.

Seine Berufung zum künftigen Premier wird Teil eines Generationswechsels an der Spitze von Partei und Regierung sein, der im Herbst beginnt. Beobachter gehen davon aus, dass Ministerpräsident Zhu Rongji wie Staats- und Parteichef Jiang Zemin auch nach dem Ausscheiden hinter den Kulissen weiter starken Einfluss auf die Regierung ausüben wird. "Zhu Rongji bleibt mit seiner Expertise einer der Entscheidungsträger", sagte ein Diplomat.

Jiang Zemin stellt im Herbst auf dem Parteitag den Parteivorsitz zur Verfügung, im März 2003 dann das Präsidentenamt. Sein Nachfolger wird der jetzige Vizepräsident Hu Jintao. Als Vorsitzender der Militärkommission wird er aber wohl weiter der mächtigste Politiker Chinas bleiben. (APA/dpa)

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