Die Eisenbeißer

10. Jänner 2002, 18:49
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Hörbare Alternative zum gegenwärtigen Modepunk: "Hymns" von Godflesh

Mit ihrem Album "Hymns" bieten die britischen Genresprenger von Godflesh Menschen mit Hang zu lauten Gitarren eine hörbare Alternative zum gegenwärtigen Modepunk.


Der Mensch sucht Sicherheit und Halt in den Stürmen des Daseins. Die Geborgenheit eines vertrauten Platzes, Zuneigung und Verständnis für die eigenen Unzulänglichkeiten, Liebe. Generell ein schwieriges Unterfangen und erst recht in Zeiten zähneknirschender Atommächte, von Rezession, monströsen Terrors sowie von ihm hervorgerufenen Gegenterrors. Kurz, in Zeiten in denen eher Dr. Angst und Mr. Bammel das Sagen haben. Zusätzlich zum gut im Saft stehenden Wahnsinn rütteln schließlich noch zerbrechliche "New Acoustic"-Trends an den letzten Zufluchtsstätten, und leptosome Norweger meinen überhaupt, Stille sei der neue Lärm. Sind eigentlich alle komplett durchgeknallt? Bei aller Sympathie: Den ersehnten Schutz versprechen weder die freiwillig hingehaltenen Wangen von Travis noch die Sehbehelfe der Kings Of Convenience. Nicht für Menschen, die sich in ihrem Leben einmal gewünscht haben, Black Sabbath mögen Gott werden, Luftgitarre das Fach Mathematik und Led Zeppelin Physik ersetzen. Über derart feinsinnig geprägte Menschen hält dieser Tage Godflesh schützend die Hand. Und zwar mit Hymnen. Hymns heißt also das neue Album des britischen Trios, das schon 1989 mit Streetcleaner seinen ersten Longplayer veröffentlichte.

Mit Drum-Computer, Bass und Gitarre klang die aus Napalm Death hervorgegangene Formation wie der vorweggenommene Soundtrack zu den japanischen Mensch-verschmilzt-mit-Maschine-Filmen Tetsou I und II: Eisenhart, zäh und unbeirrbar wie Lava auf ihrem Weg ins Tal. Was sich Godflesh in den Weg stellte, beging damit einen finalen Fehler. Doch Godflesh war nicht bloß ein extremer Metal-Act. In den frühen 90er-Jahren erblühte in seinem Umfeld ein sich weit verzweigender Stammbaum, der Projekte wie God, Ice und Scorn ebenso gebar wie in Folge das von Godflesh-Gitarrist Justin Broaderick und Kevin Martin von God betriebene Unternehmen Techno Animal. Viele Namen, denen eines gemeinsam ist: Keine dieser Bands begnügte sich mit einer einmal gefundenen Form. Metal fusionierte man mit Industrial, man malträtierte Ambient mit schweren Beats oder trieb das Echo des Dub über die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs.

Erkenntnisse dieser Soundforschungen finden nun auch Eingang in Hymns, auf dem Godflesh 13 Songs, turmhohen Stahlbauten gleich, präsentieren. Das seit 1996 von Ted Parsons bediente Schlagzeug erinnert an den repetitiven Maschinenlärm der Stahlwerke des Mur-Tales, während ein sicherer Instinkt für Pausen, Rhythmuswechsel und versetzte Gitarrenriffs den Stücken leichte Richtungskorrekturen aufzwingt und damit Platz für unerwartete Leichtigkeit schafft. Mit dem meist unverständlichen Böse Buben-Gesang Broadericks entstand so ein Album, das gerade rechtzeitig als erzieherisch wichtiges Gegenstück zum eben stattfindenden Modepunk erscheint: Eine "g'sunde Watsch'n"!

Den Langzeit-Fan erschrecken Godflesh schließlich noch mit Akustikgitarren. Kurz - und nur als Intro. Die New Acoustics trauen sich nicht in diese Gasse. Ist auch besser so.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 1. 2002)

Von
Karl Fluch

  • Godflesh  Hymns (Zomba)
    foto: zomba

    Godflesh
    Hymns
    (Zomba)

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