Kopieren statt frieren

10. Jänner 2002, 14:52
posten

Blättern, runterladen oder wie die digitale Fotografie das Weihnachts-fotoalbum veränderte. Eine Bestands-aufnahme von Helmut Spudich

So kalt brauchen es die Bilder der Ikonen des 20. Jahrhunderts, die im Bergwerk mit Millionen anderer Fotografien ruhen, damit sie nicht zerfallen. Ötzibilder unserer Zeit: Werden sie aufgetaut, sind sie hinüber. Film ist eben nicht für die Ewigkeit gemacht. Eines ist sicher, die unvergesslichen Augenblicke des neuen Jahrhunderts werden sich nicht zu Einstein und der Monroe im Berg gesellen. Die Tragödie der brennenden Hindenburg liegt im Eis, die Tragödie der brennenden Twin Towers hingegen filmlos digitalisiert auf Datenspeichern in aller Welt. Nicht das Eis wird sie erhalten, sondern die fortlaufende Kopie, jede Kopie wieder ein Original.

Auch meine diesjährigen Weihnachtsbilder werden weder in einem Bergwerk erhalten bleiben noch in der Schuhschachtel mit Generationen von Familienfotos. Die gute alte Nikon war ziemlich vergrätzt, weil sie heuer nicht die Freude unterm Lichterbaum abbilden durfte. Eine jüngere, digitale Konkurrentin hat das Rennen gemacht. Kann (fotografisch betrachtet) weniger, kostete trotzdem mehr.

Etwas Bauchweh war schon beteiligt an der Entscheidung für die Zukunft: Die Batterien könnten alle sein, Aufnahmen versehentlich gelöscht werden, die Festplatte könnte mit den Bilddateien crashen. Aber es sollen auch schon Filme schwarz oder gar nicht zurückgekommen sein.

Die ersten digitalen Weihnachten jedenfalls waren dann erfolgreich wie die Euroumstellung; das Fotoalbum Tags darauf online, Bilder mit Mail verschickt. Aber die Zukunft der Schnappschüsse, um die sich keine Bildagentur kümmert? Dort findet die eigentliche Umstellung vom Film auf Bits & Bytes statt. Einerseits Ordnung: fällt leichter als per Schuhschachtel. Stichworte für spätere Suche die Angelegenheit einiger Minuten, das Datum kommt von der Kamera. Abzüge? Mail ans Labor, Print zurück - oder die Verwandtschaft ordert selbst vom Online-Album.

Andererseits Haltbarkeit: In drei Jahren ist der Computer, auf dem die Bilder jetzt liegen, Geschichte. Die Sicherungs-CD hält längst nicht so gut wie Einstein selbst bei Zimmertemperatur gehalten hat. Ergo ewiges Umkopieren statt ewigem Eis.

Apropos ewiges Eis: Die digitale Fotosammlung birgt noch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Sollte die aktuelle Lebenspartnerschaft einmal einfrieren, bleibt der Streit um die gemeinsamen Bilder erspart. Und falls Sie keinen Wert auf Erinnerung legen: Nichts ist so unwiderruflich wie das Löschen einer Datei.

derStandard/rondo/11/1/02

Share if you care.