Ganz weit weg

10. Jänner 2002, 13:45
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Wenn die Zeiten rauer werden, wird gerne vor der harten Realität geflüchtet - auch in der Mode, meint Peter Bäldle

Haben Sie schon alle bisher erschienenen Harry-Potter-Romane gelesen und die "Herr der Ringe"-Bände? Waren Sie in einer der zahlreichen Liebeskomödien mit märchenhaftem Happyend (Stichwort "Amélie"), die in letzter Zeit in den Kinos liefen? Oder gar in "Moulin Rouge"? Und haben Sie sich schon die Frank-Sinatra-Coverversionen von Robbie Williams angehört? Wer den Buchmarkt und das Kinogeschehen beobachtet, kommt derzeit nicht umhin, eine starke Orientierung in Richtung Romantizismus bis hin zur Sentimentalität, versehen mit einer ordentlichen Portion Eskapismus festzustellen.

So eine Strömung lässt natürlich auch die Modewelt nicht unberührt. Sogar Strenesse-Designerin Gabriele Strehle forderte dazu auf, die Welt romantisch zu sehen. "Haben Sie Mut zur Romantik", wurde sie in Elle zitiert, "das heißt, allem Prinzipiellen, Schematischen und allzu Geordneten Widerstand zu leisten." Das sind ungewohnte Sätze von einer Frau, deren Mode bisher eher mit schwäbischem Pragmatismus assoziiert wurde.

Als Seismograph ihrer Zeit reflektiert Mode Entwicklungen: Sie agiert nicht, sie reagiert. In Mailand und Paris, bei den Präsentationen der großen Designer für Frühjahr und Sommer 2002, war von Eskapismus die Rede, vom Wunsch, der Wirklichkeit zu entfliehen, in vergangene Jahrzehnte abzutauchen wie in die Welten eines Fantasy-Romans. Gründe dafür scheint es genug zu geben, vor allem nach den Ereignissen des 11. September.

Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlich und / oder politisch schwierigen Zeiten und eskapistischem Verhalten ist natürlich durchaus bekannt. Filmmusicals "Made in Hollywood", die sich durch ausgeprägte Realitätsferne auszeichnen, erlebten ihre erste Blüte während der großen Wirtschaftsdepression zu Beginn der 30er-Jahre. Übertroffen wurde diese Entwicklung nur während des Zweiten Weltkriegs, als die Musicals noch opulenter, bunter, kitschiger und unrealistischer wurden: Esther Williams stieg als "Badende Venus" in Technicolor aus den Fluten, und auch Marika Rökk steppte in Farbe für Deutschland. Heute schwebt Nicole Kidman, in magisches Blau getaucht, in "Moulin Rouge" über den Köpfen der Zuschauer.

Der Beginn dieser Entwicklung in Richtung Nostalgie und Verklärung setzte ein, als Julia Roberts im Frühjahr 2001 ihren Oscar in einem "alten" Kleid von Valentino entgegennahm - Vintage Valentino von 1982, um genau zu sein. Vintage, ein Begriff aus dem Weinhandel, der u.a. gute Jahrgänge bezeichnet, steht nun auch in der Mode für jene Jahre, in denen die Kreativität ganz besonders schöne Blüten hervorbrachte. So wurde Allgemeingut, was bis vor kurzem noch den kostbaren Flohmarktfund aus den Kleiderschränken vergangener Jahrzehnte markierte. Verbirgt sich dahinter nicht der Wunsch nach dem ganz persönlichen Einzelstück, nach Mode mit Seele oder zumindest Geschichte? Jeanswear und Young Fashion haben dies sofort begriffen. Dort steht Vintage heute für Neues im Used-Look.

"Romantisch sind mädchenhaft hochgerutschte Taillen, vorgetäuschte, blitzende Unterröcke, Puffärmel und halbtransparente Materialien. Die neue Romantik ist nicht opulent, sondern fragil": Auch diese Beschreibung stammt von Gabriele Strehle, die damit ihre Strenesse-Kollektion für diesen Winter skizziert. An der Schulter aufgebauschte Ärmel waren nicht nur bei ihr ein wichtiges Detail, das Jacken wieder romantisches Flair verlieh. Samt schimmernde Seide, Hochglanz-Satin und Spitze in Blumendesigns taten das Übrige. Valentino entwarf z.B. Stehkragenshirts aus Spitze, um seine Hosenanzüge zu "romantisieren". Blusen hatten es Tom Ford angetan, der sie für Yves Saint Laurent vorne smokte, die Ärmel bauschte und sie aus amethystfarbenem Stoff schnitt. Dazu kombinierte er Volant- und Stufenröcke mit plissierten Rüschen aus schwarzem Taft - für nicht wenige Designer die Vorlage für ihre Kollektionen für Frühjahr und Sommer.

Vieles von dem, was der Mode derzeit romantischen Touch beschert, geht zurück auf eine Ausstellung, die vor einiger Zeit in London Furore machte. Ihr Titel war "The Victorians", und sie beschäftigte sich mit der Zeit Queen Victorias, der Königin, die von 1837 bis 1901 das Empire beherrschte. Damals musste die Gesellschaft die industrielle Revolution bewältigen, die in nichts unserer informellen Revolution nachstand.

Mit der Jahrhundertwende kam auch die Zeit der Entdeckung von Mythen, die bis heute Gültigkeit haben: den Dandy Oscar Wildescher Prägung, Dracula und die Faszination des Bösen, die Planwagen-Romantik der "Wild Frontier" à la David Crockett und die Romantisierung von Uniformen im Stil von Pasternaks "Doktor Schiwago". Vor allem aber wurde Weiblichkeit weicher, verführerischer und geheimnisvoller neu definiert. Man orientierte sich an den mädchenhaften Pensionatsuniformen, wie sie Lara, Schiwagos große Liebe, trug, und man entdeckte jenes aufregend-unnachahmliche Flair, das man Erotik nennt und jetzt wieder mit Häkchen und Ösen im Film "Moulin Rouge" bewundern kann. Ja, Mieder sind wieder in Mode, sogar Schnürstiefelchen und Strumpfbänder kehren zurück. Romantik ist wieder angesagt und soll der Mode auch in turbulenten Zeiten mehr Attraktivität verleihen. "Weil sie die leisen Töne wagt in einer lauten Welt", wie Gabriele Strehle sagt.

derStandard/rondo/11/1/02

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