Grasser will Elite-Unis und Strukturbereinigung bei Studienrichtungen

10. Jänner 2002, 14:46
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Finanzminister: "Uni-Reformen sind überfällig" - Heftige Kritik der Opposition

Wien - Finanzminister Karl-Heinz Grasser (F) tritt für die Schaffung von Elite-Universitäten und eine Strukturbereinigung bei den Studienrichtungen ein. Das sagt Grasser nun in einem Interview mit der "Presse" (Donnerstag-Ausgabe). Österreich benötige eine Vielfalt in seiner Uni-Landschaft, "aber kein Fortschreiben gewachsener Besitzstände bis in die Ewigkeit". "Niedrige Akademikerrate, hohe Bildungsausgaben, hohe Drop-Out-Rate und überlange Studienzeiten - das System funktioniert nicht": aus diesem Befund müssten die nötigen Konsequenzen gezogen werden, so der Minister. "Uni-Reformen sind überfällig."

Studienrichtungen, die trotz äußerst geringer Studentenzahlen an drei oder vier Uni-Standorten eingerichtet seien, sollten demnach eingeschränkt werden. "Obwohl dann gleich das Argument mit der Keule kommt, dass das nämlich gegen die geistige Vielfalt ist", wird Grasser zitiert. Und: "Bei der Strukturbereinigung müssen die Unis beweisen, dass sie für die Autonomie reif und zur Selbsterneuerung in der Lage sind." Neben "Orchideenstudien" führt Grasser übrigens als Beispiel auch das Archiktekturstudium mit drei Standorten in Wien an. Dieses werde derzeit in der Bundeshauptstadt an der Technischen Universität, der Bildenden und der Angewandten angeboten.

Im Gegenzug spricht sich der Finanzminister für die Gründung neuer Universitäten aus, die völlig neue Wege gehen sollen. Eine derartige Elite-Uni solle etwa in Wien entstehen und den Charakter einer "Applied Life Science University", also einer Universität für angewandte Lebenswissenschaften, erhalten.

SPÖ, Grüne, AK und ÖH kritisieren Grasser

Kritik an den Aussagen von Grasser kommt von der Arbeiterkammer, der SPÖ, den Grünen und der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). SPÖ-Wissenschaftssprecher Erwin Niederwieser attestierte Grasser in einer Aussendung "erschütternde Ahnungslosigkeit über das Universitätswesen", die Grünen sprechen von "krausen Uni-Reformvorstellungen" des Finanzministers. Die ÖH ortet hinter dessen Aussagen ein Eintreten für eine "universitäre Zwei-Klassen-Gesellschaft". Grasser hatte sich unter anderem für die Schaffung von "Elite-Universitäten", unter anderem auch durch Zusammenschlüsse bestehender Einheiten, ausgesprochen.

Grasser verstehe unter der Uni-Autonomie offensichtlich die "Diktatur des Finanzministeriums", meinte Niederwieser. So spreche er zwar von finanzieller Autonomie, um aber gleich darauf hinzuweisen, dass es Geld nur dann gebe, wenn nach seinen Wünschen gehandelt werde. Die vom Finanzminister angesprochenen hohen Bildungsausgaben in Österreich entfielen außerdem hauptsächlich auf das Schulwesen. Die Unis wären im OECD-Vergleich hingegen unterdotiert, so Niederwieser.

Der Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, erteilte der Idee Grassers nach Einrichtung von Eliteuniversitäten eine klare Absage. Diese würden der Mehrheit der Studierenden die Chance nehmen eine gute Ausbildung zu erhalten, "da sie auf Kosten jener Universitäten errichtet werden würden, die schon jetzt am Limit ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind". Überlange Studienzeiten und hohe Drop-out-Raten, die Grasser kritisiert, seien das Ergebnis der schlechten Betreuung der Studierenden, die die Regierung wissentlich und jahrelang in Kauf genommen habe.

Die ÖH ortet bei Grasser "elitäres Bildungsdenken" und "Ignoranz gegenüber Expertenmeinungen". Nach seinen Vorstellungen würde es "Elite-Unis, für jene die es sich leisten können und finanziell ausgehungerte Unis" für den Rest geben, kritisierte ÖH-Chefin Anita Weinberger in einer Aussendung. Darüber hinaus zeige Grasser ein "enormes Informationsdefizit", meinte ihre Stellvertreterin Andrea Mautz. Durch die geplanten neuen Entscheidungsstrukturen, die laut dem Finanzminister "nicht verwässert" werden dürften, würden die Unis nicht mehr Verantwortung übernehmen können, wie von Grasser vermutet. Vielmehr werde das genaue Gegenteil erreicht, indem die Hochschulen über maßgeblichen Einfluss des Bildungsministeriums im Universitätsrat "politisch abhängig gemacht" würden.

Kritik an Grasser kommt auch von den Arbeitnehmer-Vertretungen. Die Arbeiterkammer (AK) verlangt ein Gesamtkonzept für Universitäten und Hochschulen, an denen alle Studierenden "ohne Barrieren und in akzeptabler Zeit ihr Studium abschließen" könnten. Die Tauglichkeit der Uni-Reform mit mehrjährigen Budgets und Leistungsvereinbarungen solle zunächst in Pilot-Projekten erprobt werden und die Mitbestimmung von Parlament, Studierenden, Universitätsbeschäftigten und Sozialpartnern erhalten bleiben. Der Studierendenreferent der GPA, Andreas Kolm, ortet hinter Grassers Vorschlägen wiederum "absoluten Schwachsinn". (APA)

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