Ein "Mercedes" unter den PCs

9. Jänner 2002, 21:11
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Als Apple 1984 mit dem ersten Mac auf den Markt kam, sollte es ein "Computer for the rest of us", für die Massen, sein ...

Vor rund einem Jahrzehnt verglich Umberto Eco den Kampf zwischen Apple und Microsoft mit dem Kirchenkampf zwischen Katholiken und Protestanten, wobei er Apples Macintosh wegen seiner barock wirkenden grafischen Benutzeroberfläche mit der katholischen Kirche gleichsetzte, Microsoft-PCs (damals noch unter DOS) wegen ihrer nüchternen, arbeitsbezogenen Erscheinung mit der protestantischen.

Die Protestanten haben gewonnen

Der Markt hat den Glaubenskampf längst entschieden, und die Protestanten haben gewonnen, indem sie mit Windows katholischer geworden sind. Der Papst heißt unbestritten Bill Gates. Apple hingegen hat sich unter der Führung des vor fünf Jahren heimgekehrten Kogründers Steve Jobs in einen Zen-Orden verwandelt; eine kleine, aber elitäre Minderheit, die schon längst keine katholische Mehrheit mehr anstrebt. Zwar wiederholt Jobs bei jeder Gelegenheit wie zuletzt auf Macworld sein Mantra, dass Apple fünf Prozent in seinem Lager hat und das Ziel die restlichen 95 Prozent der Computernutzer sind.

Aber der Vergleich, dem Jobs inzwischen längst mehr anhängt, ist der mit der Autoindustrie: "Wir haben einen größeren Marktanteil als BMW und Mercedes zusammen", wird er nicht müde zu erklären. "Wir sind alle der Gehirnwäsche der IDC- und Dataquest-Statistiken verfallen", sagt auch Apples eloquenter französischer Europa-Chef Pascal Cagni im Gespräch mit dem STANDARD, auf die vierteljährlichen Top-Ten-Verkaufsstatistiken der beiden Marktbeobachter anspielend, in denen Apple weit hinter Marktführern wie Dell, Compaq, Hewlett-Packard oder Fujitsu Siemens (in Europa) zurückgefallen ist.

1+1=?

Cagni zieht diese Betrachtungsweise vor: Rechnet man alle "999,90 DM"-Billig-PCs aus dem Gesamtmarkt heraus, die über Preiskämpfe verkauft würden, bleibe ein Anteil von rund 35 Prozent des Gesamtmarkts, "und davon halten wir etwa ein Drittel mit sehr potenten Kundenschichten, von kreativen Profis, Publishing, dem Bildungssektor und Freiberuflern bis zum Heimmarkt".

Apple hat seit der Sanierung der Firma vor rund vier Jahren mit technisch innovativen Produkten - etwa konsequenter Verwendung neuer Schnittstellen, drahtloser Netzwerktechnik oder DVD-Brennern - und auffallendem, hochklassigem Design eine durchaus profitable Nische besetzt. Beispiel iMac: Keinem anderen Hersteller ist es gelungen, mit dem Typus des "All in one"-Gerätes erfolgreich zu sein, während Apple in dieser Gerätekategorie in drei Jahren rund sechs Millionen iMacs verkaufte.

Umsatrückgang

Wie die Gesamtindustrie musste Apple im vergangenen Jahr einen erheblichen Umsatzrückgang hinnehmen, von rund acht auf sechs Milliarden Dollar (6,7 Mrd. EURO). Aber nur am Anfang der Krise, Ende 2000, rutschte der Konzern einmal kurz in die roten Zahlen und konnte sonst profitabel bleiben. Dies gelang im reinen PC-Geschäft nur noch Dell, während andere zunehmend auf das Geschäft mit Services, Servern oder Peripherie (wie Drucker) bauten. Selbst Flops wie der elegante, aber unverkäufliche weiße Würfel-Mac konnten verdaut werden.

Dennoch gebe es eine Grenze, wie klein man sein kann, räumt Cagni ein: "Natürlich spielt Größe eine Rolle." Aber "ab einer Million gefertigter Stück pro Jahr ist die Economy of Scale sichergestellt", und diese überschreite Apple mit rund fünf Millionen verkaufter Macs bei weitem. Ziel für das heurige Jahr sei es, "Quartal auf Quartal und Jahr um Jahr zu wachsen", sagt Cagni. Wie? Die Richtung gibt Jobs vor: "Wir müssen uns aus den Rückgängen herausinnovieren." Also wird Apple weiterhin mit durchaus kontroversiellen Geräten von sich reden machen, wie mit dem neuen iMac mit schwenkbarem Flachbildschirm auf einem halbkugelförmigen Sockel.

Extras

Wie eine aktuelle Leserumfrage auf derStandard.at zeigt, kommt das bei einer deutlichen Mehrheit gut an, während es von einigen heftig abgelehnt wird. Denn Ziel ist nicht mehr, möglichst viele Geräte zu verkaufen, sondern möglichst profitable für Konsumenten, die bereit sind, für "Extras" zu bezahlen. Zu dieser Strategie gehört auch ein Preisniveau, das über dem Durchschnitt liegt - denn wer würde schon glauben, dass ein Mercedes ein Mercedes ist, wenn er zum Preis eines Skoda erhältlich wäre? (STANDARD-Redakteur Helmut Spudich aus San Francisco - Der Standard Printausgabe)

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