Des Alltags Opernbeute

13. Jänner 2002, 23:31
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Richard Strauss' "Die Frau ohne Schatten" an der Wiener Staatsoper

Wien - Die Publikumserregung, die bei der Premiere ziemlich übersteigert war, ist irgendwie Geschichte. In der Wiener Staatsoper herrscht auch am Ende der Frau ohne Schatten gewissermaßen ruhig-gemütlicher Alltag - der Applaus wirkt recht verschlafen und gerade noch so aktiv, um als höflich empfunden werden zu können.

Wäre Regisseur Robert Carsen vor dem Vorhang erschienen, ein klein wenig laut wäre es wohl schon geworden; obwohl man sich dann fragen hätte müssen, warum eigentlich? Hat sich doch Carsen gleichsam in der Berggasse bei Herrn Sigmund Freud auf die Couch gelegt und die Erkenntnisse seiner psychoanalytischen Lehrstunden in dieser Inszenierung konsequent zu einer Vater-Tochter-Geschichte verdichtet, deren traumatisierende Anfänge hier auch filmisch-logisch transparent werden.

Dieser durchaus reizvolle Versuch, eine altehrwürdige Seelentheorie inszenatorisch nutzbar zu machen, lässt sich zweifellos auch anhand der aktuellen Sängerbesetzung nachvollziehen. Allerdings kann man schwer behaupten, das Ensemble hätte musikalisch die Dimensionen des Gerade-noch-Okay gesprengt.

Mit einer Ausnahme: Franz Grundheber (als Barak) agierte eine Qualitätsstufe über den Kollegen - ungefährdet und profund in Ausdruck wie Timbre. Der unbefriedigende Rest: Jon Frederic West (als Kaiser) machte vor allem darstellerisch eine schrecklich unbewegliche und damit auch störende Figur. Cheryl Studer (als Kaiserin) gewann ihren wackeren Kampf um Tonhöhen. Einigermaßen. Der hohe Preis: Verlust der Klangkultur. Solide immerhin Luana DeVol (als Färberin).

Peter Schneider (der an Stelle des erkrankten George Alexander Albrecht auch die Parsifal-Abende mit Placido Domingo am 13. und 16. Jänner dirigieren wird) konnte nichts dafür. Er sorgte routiniert für kammermusikalische Zartheit, atmosphärische Farbschattierungen und punktuell auch für die nötige orchestrale Erregung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 1. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

Weitere Vorstellungen am
14., 18. und 21. Jänner
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