Der Stoff, aus dem das Schweigen ist

13. Jänner 2002, 23:37
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Der israelische Dramatiker Joshua Sobol über seinen ersten Roman "Schweigen"

Der israelische Dramatiker Joshua Sobol hat seinen ersten Roman vorgelegt: "Schweigen", den Lebensbericht eines Verstummten. Mit Sobol sprach Cornelia Niedermeier.


Wien - Die Stoffe, aus denen das Schweigen besteht, arbeitet der Dramatiker Joshua Sobol kunstvoll um zu Theaterstücken. In Israel, wo er 1939 - in Tel Aviv - geboren wurde und wo er bis heute lebt und arbeitet, beantworten regelmäßig Proteste die Aufführung seiner Dramen. Wenn er etwa in Ghetto von jüdischer Kollaboration im Nationalsozialismus schreibt, von der Zerstörung einer Liebesbeziehung zwischen einer Palästinenserin und einem Israeli in Die Palästinenserin.

Das Jerusalem Syndrom, in dem Sobol für eine mögliche Katastrophe im Nahen Osten dem jüdischen Fundamentalismus Verantwortung zuspricht, wurde in Israel seit seiner Uraufführung 1988 nicht mehr gezeigt.

In Wien kennt man den Autor durch seine Kooperationen mit Paulus Manker, der Weiningers Nacht auf die Bühne des Volkstheaters brachte und für den Sobol das Alma-Mahler-Drama Alma - a Show Biz verfasste.

Nun hat Joshua Sobol, der wider das Schweigen schreibt, einen Roman des Titels Schweigen verfasst, in welchem sich der Ich-Erzähler im zarten Alter von acht Tagen, im Angesicht der Katastrophen seiner Beschneidung und des gleichzeitigen Einmarschs Hitlers in Polen, entschließt, ein Leben lang stumm zu bleiben. Ein stiller Beobachter, verfolgt er das Leben seiner großen Familie in Israel und die Bewegungen dieses Staates durch die Jahrzehnte.

STANDARD: Herr Sobol, Ihr Protagonist verweigert sehr bewusst die sprachliche Kommunikation mit seiner Umgebung.

Sobol: Nun, die Grundfrage ist doch: Kommunizieren wir tatsächlich, wenn wir sprechen? Ich denke, der stärkste Kontakt unter Menschen läuft wortlos ab. Der sprachliche Kontakt ist ein permanenter Vertragsabschluss. Mein Erzähler hat intensive Kontakte, aber er geht mit den Menschen keine Verträge ein.

Ich habe das Buch 1999 geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, das 20. Jahrhundert geht zu Ende und alle wesentlichen Verträge waren nicht eingehalten: Die Schaffung einer Welt ohne Klassenunterschiede in den sozialistischen Ländern war ein riesiger Betrug an Millionen von Menschen. Kapitalismus als Vertrag endete in einer schrecklichen Katastrophe, wir sehen es heute. Es gibt keine einzige Philosophie des 20. Jahrhunderts, die der Betrachtung standhält. Deshalb verweigert mein Erzähler jeden Kontrakt.

STANDARD: Das heißt aber auch, er kann nichts verändern. Ihr Weg war stets die Provokation. Also doch Resignation?

Sobol: Nein, aber ich stelle mein Handeln auch infrage. Wir haben 30 Jahre gekämpft, um die öffentliche Meinung in Israel zu ändern. Damit etwa die Mehrheit der Bevölkerung das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat akzeptiert. Ich habe mich wirklich gefragt, was ich bewirkt habe - und ich weiß es nicht. Ein Terrorist beeinflusst mehr Menschen als tausend Bücher.

STANDARD: Aber gerade die Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit zu einem sinnvollen Dialog, verhindert heute eine Konfliktlösung. Jede Seite beharrt auf ihrer sich permanent verengenden Erzählweise, die den jeweils anderen auf "das Böse" reduziert.

Sobol: Das ist wie zwischen zwei Individuen, einem Paar. Ein Partner hat den anderen betrogen, der findet es heraus. Solange beide an ihren Egos festhalten, kann es zu keiner Lösung kommen. Ähnlich verhält es sich mit dem nationalen Ego. Um den Konflikt zu lösen, müssen beide ihr Ego beiseite stellen.

Der Terrorismus bläht im Gegenteil ein Ego auf, das auf solche Akte der Gewalt stolz ist. Und in den USA reißen sich die Freiwilligen darum, gegen die Taliban zu kämpfen. Das sind alles nationale oder religiöse Egoismen. - Und es sind männliche Egos. Wenn wir die Bilder betrachten, die das Fernsehen aus Afghanistan geliefert hat: Da rotten sich die Männer zu Kriegergesellschaften zusammen, sie rennen mit Gewehren durch die Gegend, sind Helden in ihren eigenen Augen.

STANDARD: Das stolze Ego kriegerischer Gewehrpotenz.

Sobol: Der ganze Fundamentalismus richtet sich in Wahrheit auch nicht gegen den Kapitalismus - Bin Laden ist schließlich selbst ein Erzkapitalist. Das eigentliche Problem der Fundamentalisten ist das Verhältnis der Geschlechter. Das Auseinanderdriften zweier Kulturen in entgegengesetzte Richtung - der Westen bewegt sich langsam hin zu einer Gleichheit der Geschlechter, die fundamentalistische Gesellschaft zieht sich auf eine Position extremer Ungleichheit zurück.

Ich denke, wir sind nicht konsequent genug in der Verteidigung unserer tatsächlichen Werte. Wollen wir ernsthaft eine Welt, für deren Wohlergehen die UN und internationales Völkerrecht sorgen, müsste als eines der Grundrechte anerkannt werden, dass jeder, der Frauen diskriminiert, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht.

STANDARD: Doch ein Plädoyer für Sprache, für Verträge?

Sobol: Ja sicher, die politische Ebene läuft über Sprache.

Joshua Sobol: Schweigen. Roman. 332 Seiten/23,20 EURO. Luchterhand, München 2001

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 1. 2002)
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