Mit Hoffnung an der Exportkurbel

9. Jänner 2002, 19:36
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Yen dürfte auf neue Tiefstände fallen - Japaner setzen dadurch auch auf Belebung des Exports

Tokio - Der Yen, wie die gesamte japanische Wirtschaft, beginnt das Jahr 2002 mit einem Schwächeanfall. Am Dienstag fiel die japanische Währung gegenüber dem Dollar und dem Euro auf neue Tiefstände, nachdem der in Währungsfragen dominierende Vizefinanzminister Haruhiko Kuroda ankündigt hatte, dass Japan derzeit nichts gegen die Abwertung des Yen unternehmen werde.

Verkaufssignal

Die Devisenhändler in Tokio betrachteten es als Signal für den Verkauf der japanischen Währung, die bis zum Handelsschluss in Tokio auf 132,77 Yen zum Dollar und 118,35 Yen zum Euro absackte. Das ist das tiefste Niveau seit Oktober 1998, als das Land in einer schweren Finanzkrise steckte.

Der Vergleich mit dem Krisenjahr 1998 ist angebracht, weil die Regierung von Ministerpräsident Junichiro Koizumi keinen Hehl daraus macht, dass der Finanzsektor bis spätestens im März dieses Jahres ein weiteres Hilfspaket braucht. Seit diesem Wochenende ist auch klar, wie viel öffentliche Mittel die Regierung neu in den Finanzsektor pumpen will, um eine zweite Krise abzuwenden. Gemäß Taku Yamasaki, dem Chef des politischen Ausschusses in der regierenden Liberal-Demokratischen Partei plant der Staat erneut zwölf Bio. Yen, umgerechnet etwa 101,39 Mrd. Euro (1504,13 Mrd. S) für die Rettung der angeschlagenen Banken.

Die Aussicht auf eine neue japanische Finanzkrise und die tiefe Rezession sind die zwei Hauptgründe für den Schwächeanfall des Yen. Kuroda erklärte, die Währung müsste die ökonomischen Fundamentaldaten der Volkswirtschaft spiegeln und aus dieser Sicht sei der Yen eher noch zu hoch bewertet. Das Votum signalisiert, dass Japan die Währung bis auf 135, wenn nicht 140 Yen zum Dollar und wahrscheinlich auf 120 bis 125 Yen zum Euro abfallen lässt. Die USA scheinen mit diesem Kurs einverstanden zu sein, wie der Besuch des Wirtschaftministers Heizo Takenaka in Washington zeigte.

Zwei Ziele

Die japanische Regierung erhofft sich von der Abwertung zwei Resultate. Einerseits wird damit der Exportsektor gestützt und sollte sich schneller als die Gesamtwirtschaft erholen. Andererseits soll mit höheren Importpreisen die Deflation im Lande bekämpft werden. Das zweite Ziel dürfte gemäß der Credit Suisse First Boston eher illusorisch sein. Das Wertpapierhaus rechnete aus, dass der Yen gegenüber dem Dollar um 25 Prozent auf ein Niveau von 150 bis 160 Yen fallen müsste, um die Deflation zu stoppen. Einem solch tiefen Kurs würden die Handelspartner in Übersee aber kaum zustimmen.

Vor allem aus dem asiatischen Raum sind besorgte Stimmen zu hören. Südkorea und die Volksrepublik China gehören zu den stärksten Gegnern der Yenabwertung. Sollte Japan tatsächlich den Weg aus der Krise mittels einer sehr starken Abwertung suchen, besteht die Gefahr, dass Asien sich aus Wettbwerbsgründen anschließen könnte und damit die japanische Deflation erst in den asiatischen Raum und von dort auf die Weltwirtschaft exportiert würde. Allerdings ist diese Gefahr derzeit eher unwahrscheinlich, weil die asiatischen Währungen im Vergleich zum Yen noch relativ tief bewertet sind. (DER STANDARD, Printausgabe 10.1.2002)

ANALYSE von André Kunz
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