Träumen ist leichter als reden

13. Jänner 2002, 18:55
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Hermann Maiers größter Gegner außer ihm selbst: der ÖSV und die Qualifikation

Wien/Wengen - Die künstliche Erregung um Hermann Maiers Antreten bei Olympia könnte an einigen einfachen Tatsachen scheitern, die wohl kaum niemand erwähnt, weil sie nicht ins patriotische Bild passen. Maier kann bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City als Titelverteidiger nicht auf einen Fixplatz zurückgreifen. Weltmeisterschaften sehen eine entsprechende Regel vor.

So unterliegt Maier wie jeder andere Skirennläufer des ÖSV dem Zwang, sich für einen der Skibewerbe erst zu qualifizieren. Weltcup-Resultate und eine entsprechende aktuelle Form vor den Spielen sind dazu vonnöten. Könnte ein Rekonvaleszenter, der seit neun Monaten keinen Meter wettkampfmäßig Ski gefahren ist und wochenlang im Bett gelegen ist, Leute wie Eberharter, Walchhofer, die beiden Strobls, Rzehak oder den wieder aufkommenden Schifferer biegen? Kaum vorstellbar.

Beste Chancen wären im Slalom vorhanden

Die größten Chancen hätte er derzeit paradoxerweise im Slalom, den er mit der Ausnahme einer seltenen Kombination zu meiden pflegt. "In Kitzbühel fährt er nicht", sagt ÖSV-Alpindirektor Hans Pum, "dann bleiben ihm Garmisch und St. Moritz." Und: "Die letzte Untersuchung bei Arthur Trost war reine Routine, da wurde nur seine Belastungsfähigkeit festgestellt, ob er überhaupt aufgestellt wird, entscheiden andere, nicht der Arzt. Und am besten kennt der Hermann seinen Körper." Werde Maier keine Chance sehen zu siegen, werde er nicht fahren.

"Ein anderes Problem, von dem auch keiner reden will", so Pum: Maiers Problem ist nicht das gebrochene rechte, sondern das linke Bein. Sein Arzt Trost: "Nach dem Unfall Ende August konnte er tagelang beide Beine nicht bewegen, die massiven Blutungen durch die Verletzungen der vielen Muskeln haben im Beckenbereich die Nerven abgedrückt und beschädigt. Wir haben schon eine Querschnittlähmung befürchtet." Ein beleidigter Nerv braucht mindestens sechs Monate für die Regeneration. "Und erst wenn er wieder die Befehle in den Muskel schickt, kann der aufgebaut werden."

Hält der Verband die Erwartungen rund um Maiers Olympiaabsichten künstlich hoch, um Sponsoren zu befriedigen? Das denn doch nicht, so Pum, "aber was sollen wir machen, wenn alle hysterisch werden?". (josko, Prinatausgabe DerStandard, 10.01.2002)

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