Er organisierte die "Endlösung der Judenfage" in Polen

9. Jänner 2002, 14:24
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... und arbeitete nach dem Weltkrieg für den US-Geheimdienst: der Salzburger SS-Offizier Hermann Höfle

Hamburg - Der Salzburger SS-Offizier Hermann Höfle ist einer der großen Unbekannten der NS-Geschichte: Im Auftrag Heinrich Himmlers hatte er 1942 unter dem Codewort "Einsatz Reinhardt" die "Endlösung der Judenfage" im besetzten Polen organisiert. Wie die Hamburger Zeitschrift "Die Zeit" in ihrer neuen Ausgabe berichtet, wird durch erst jetzt freigegebene Akten aus britischen Archiven die genaue Tätigkeit Höfles bekannt.

Dabei ist, wie "Die Zeit" in einem Vorausbericht schreibt, auch erstmals die exakte Zahl der 1942 in Sobibor, Treblinka, Belzec und Majdanek ermordeten Menschen ans Licht gekommen: 1.274.166. Ebenfalls konnte erst jetzt aufgedeckt werden, dass der zigtausendfache Massenmörder, der nach dem Krieg untergetaucht war, Anfang der fünfziger Jahre in den Dienst des amerikanischen Geheimdienstes CIC eintrat.

Biographie Höfles

Geboren 1911 in Salzburg, arbeitete er als Automechaniker und Taxiunternehmer. Partei- und SS-Mitglied seit 1933, wurde er 1939, nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, Chef des volksdeutschen Selbstschutzes in Neu-Sandez (Nowy Sacz) und begann im September 1940 als Leiter eines Lagers für jüdische Zwangsarbeiter in Belzec seine Karriere als einer der Haupttäter des Holocaust.

Doch Höfles Leben nach seiner Festnahme durch die Engländer am 31. Mai 1945 auf der Möslacher Alm am Weißensee in Kärnten, wo er sich mit Globocnik und anderen Komplizen versteckt hatte, ist zu erheblichen Teilen noch ungeklärt.

Nach dem Krieg

1946 veröffentlichte die Zentrale Jüdische Historische Kommission in Polen eine bedeutende Dokumenten- und Materialiensammlung mit entscheidenden Höfle-Quellen. In dem Band befindet sich zudem eine gewichtige Zeugenaussage von M. Reich (Marcel Reich-Ranicki), dem ehemaligen Sekretär des Warschauer Judenrates, über die Vernichtung des Ghettos. Eindeutig wird hier der SS-Sturmbannführer Höfle als Leiter des "Einsatzes Reinhardt" und des Warschauer "Vernichtungs- oder Ausrottungskommandos" identifiziert.

Im August 1947 wurde Höfle aus dem Internierungslager Wolfsberg in Kärnten entlassen und der österreichischen Justiz übergeben. Am 30. Oktober 1947 wurde er auf "Gelöbnis" entlassen. In der Folge arbeitete er in seiner Heimatstadt Salzburg im gelernten Beruf als Automechaniker. Am 15. Dezember 1947 wurde er vermutlich das erste und einzige Mal von den Amerikanern vernommen. Später floh Höfle nach Italien, wo er die nächsten Jahre unter falschem Namen lebte.

"Hans Hartmann"

Anfang 1951 kehrte er aus Italien nach Österreich zurück. Im März versuchte er heimlich nach Westdeutschland zu gelangen und wurde wegen illegalen Grenzübertritts festgenommen. Er nannte seinen richtigen Namen und erklärte vor einem Münchner Gericht, die Polen suchten ihn und er befürchte, gekidnappt zu werden. Dieses Argument scheint für die bayerischen Behörden überzeugend gewesen zu sein, denn einen Monat später erhielt er neue Papiere mitsamt einer Aufenthaltsgenehmigung. Auf Grund seiner Verbindungen zu alten SS-Kameraden in Bayern geriet er ins Visier der Abwehrorganisation der US-Armee, des CIC. Höfle wurde längere Zeit beschattet. Dann machte man ihm ein Angebot zur Arbeit für den Geheimdienst. Fortan erhielt Höfle vom CIC den Decknamen "Hans Hartmann" und wurde mit hundert Mark monatlich vergütet. Jedoch schon im Juni 1954 ließ ihn der CIC aus unbekannten Gründen fallen.

Im Jänner 1961 wurde der millionenfache Mörder in Salzburg festgenommen. Drei Monate später begann in Jerusalem der Eichmann-Prozess. Höfle dürfte in der Untersuchungshaft das Verfahren verfolgt haben, tauchte doch sein Name dort mehrfach auf. Am 1. Juni 1962 wurde Adolf Eichmann hingerichtet. Hermann Höfle richtete sich selbst: Am 21. August 1962, kurz vor seinem Prozess, erhängte er sich in einem Wiener Gefängnis. (APA)

Die Welt
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