Mathematiker suchen Herberge

8. Jänner 2002, 19:25
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Wolfgang Pauli Institut zieht internationale Wissenschafter an

Wien - Als Idee gibt es das Wolfgang Pauli Institut (WPI) seit über einem Jahr. Im April 2001 wurde es offiziell als Verein gegründet und zugleich ein erstes Drei-Millionen-Euro-Projekt (rd. 41,3 Mio. S) in Brüssel beantragt - und im Herbst genehmigt. Doch noch immer gibt es kein Haus für die Forscher.

Dabei haben die Gründungsmitglieder schon einige Vorarbeit geleistet. Die Wittgenstein-Preisträger Georg Gottlob, Peter Markowich und Walter Schachermayer, die START-Preisträger Norbert Mauser und Peter Szmolyan und der Sprecher des interuniversitären Wissenschaftskollegs "Differenzialgleichungen", Christian Schmeiser, haben ihr Know-how und ihre Preisgelder gebündelt und damit ein Center of Excellence gegründet. "Wir haben fast 50 Arbeitsplätze für Wissenschafter geschaffen", sagt Markowich, "nur mit den Mitteln unserer international referierten Projekte, ohne Subvention von öffentlicher Hand. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie schwierig es ist, eine relativ geringe Beteiligung für eine adäquate Infrastruktur zu bekommen."

Der Technologierat und andere österreichische Stellen, sekundiert Mauser, wünschten sich die Schaffung von solchen Forschungsnetzwerken und übersähen dabei etwas "Bottom-up-Geschaffenes" wie das WPI. "Aus Brüssel kommt mehr Anerkennung als aus Wien. Doch hier gilt internationale Anerkennung offenbar wenig, und unsere Förderungsansuchen werden nicht einmal ignoriert."

Bei den zuständigen Stellen sieht man das anders. "Ich halte das WPI für eine wertvolle und unterstützenswerte Initiative", sagt Sektionschef Raoul Kneucker vom Bildungsministerium. Aber man könne nicht Millionen für ein Bauprojekt frei machen, wenn das Geld nicht da sei. "Die jungen Leute sind ungeduldig, was ich verstehe. Es gibt Gespräche, und es wird sich schon etwas ergeben. Ein Kompetenzzentrum ist auch eine Frage der Organisation."

Die Ungeduld seitens der Forscher wächst. "Unsere Projekte", so Markowich, "beschäftigen sich mit den mathematischen Grundlagen der Nanotechnologie - zum Beispiel Quantenhalbleiter - und der Biologie, mit Problemen der Populationsdynamik, der Immunologie, des Finanzgeschehens und vielem anderem. Dafür haben wir Spitzenleute nach Wien geholt. Denen können wir die Arbeitsbedingungen in den wenigen Räumen, die uns die selber mittellose Uni freundlicherweise zur Verfügung stellt, nicht zumuten." Die Hoffnung von Markowich und Kollegen konzentriert sich jetzt auf Stadt Wien und das Forschungszentrum Seibersdorf: Von dort könnten Haus bzw. professionelles Management kommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2002)

Von Michael Freund

Wolfgang Pauli Institut

"Highlights der Wissenschaft - START- und Wittgenstein-Preisträger im Gespräch", eine Runde mit wichtigen österreichischen Forschern, findet am 18. Jänner um 18 Uhr im RadioKulturhaus statt. Peter Markowich ist einer der Diskutanten. Argentinierstraße 30a, 1040 Wien. Eintritt frei.
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